Unter Zeitdruck
Ein ganz normaler Tag im B?ro
"Wo ist Narius", hallte es durch die Hallen des Gro?raumb?ros. Ich wachte auf von meiner Mittagspause und stieg aus der Ruheschale, um zu meinem Schreibtisch zur?ckzukehren.
Narius hatte sich diese Zeitmaschine gekauft. Jetzt war er schon seit Wochen damit besch?ftigt, Ereignisse in seinem Leben zu ?ndern, die seiner Meinung nach falsch gelaufen waren. Er sah seine Lifelogs durch und markierte alle Zeitpunkte, bei denen er sein Verhalten ?ndern wollte. Zun?chst ohne gro?e Vorbereitung sprang er dann dorthin und h?ndigte seinem vergangenen Ich - er nannte ihn den "Fr?heren" - Notizkarten mit Anweisungen f?r bestimmte zuk?nftige Situationen aus. Nach denen, so dachte er, w?rde er sich schon richten und es hatte bei den ersten paar Malen auch bestens geklappt, aber dann stellte sich heraus, dass er sich selbst offenbar nicht so gut kannte oder sich zumindest nicht mehr sehr gut an sein Selbst erinnern konnte und so hatte es immer intensivere Diskussionen mit seinem Alter Ego gegeben, weil er es hasste von sich selbst ins Handwerk gepfuscht zu bekommen.
Mittlerweile, so hatte Narius an einem Abend in der Bar platt berichtet, nahm er die Karten kommentarlos von sich selbst entgegen und ?berarbeitete sie einfach heimlich, was nat?rlich ?beralbern war, hinterher wu?te er es ja eh, er konnte sich beim besten Willen nicht selbst betr?gen, dass lie? schon die Software nicht zu.
Das war aber egal, solange die ?nderung der Vergangenheit die erw?nschten Erfolge brachte. War das nicht der Fall, wiederholte er die Prozedur einfach. Immer und immer wieder.
Er doktorte in der Tat solange an einem Ereignis herum, bis er zufrieden oder aber endlos frustriert war und entnervt aufgab. Genau so stand es auch in der 12000-seitigen Bedienungsanleitung im 120. Kapitel mit dem Titel "Nutzungsphilosophien". Hier wurde eindeutig davon abgeraten, zu intensive Eingriffe an der eigenen Zeitlinie vorzunehmen, diese w?rde von der Garantie nicht abgedeckt.
F?r dieses Spielchen ging viel Echtzeit drauf, denn auch wenn der Zeitsprung f?r den Rest der linearen Welt kaum ein paar Sekunden w?hrte, f?r Narius waren es lange und oft strapazi?se Reisen, manchmal trieb er sich Tage in der Vergangenheit herum. Den Rest der Zeit, die er nicht arbeitete, schlief er meist oder simulierte Zeitlinien. Wir, also seine Freunde und Kollegen, bekamen ihn kaum noch zu Gesicht. Und jetzt war er auch nicht zur Arbeit erschienen. Er b??te offenbar immer mehr von seiner Selbstst?ndigkeit ein. Klar, immerhin hatte er sein Leben lang Anweisungen von sich aus aus der Zukunft erhalten. Erst in der letzten Woche hatte er sich selbst wieder einmal bei einem Date beeinflusst, dass vor 12 Jahren mehr als nur schief gelaufen war. Worum genau es dabei gegangen war, hatte er nicht erz?hlt, aber offenbar hatte es sein Frauenbild massiv beeinflusst und war demnach zu einem bestimmenden Kriterium bei der Auswahl weiblicher Beziehungen geworden, die sich letztendlich regelm??ig als wenig zufriedenstellend entpuppten. Tagelang hatte er Dialoge ausget?ftelt und mit diversen Laiendarstellerinnen und ehemaligen Freundinnen die Situation geprobt, um die Auswirkungen einsch?tzen zu k?nnen und immer wieder rechnete er die Chancen auf eine ver?nderte Zeitlinie durch.
Etwa sechs mal war er dann am selben Tag durch die Zeit gereist und hatte seinem Fr?heren quasi einen Roman an Notizen ?bergeben, lange Diskussionen gef?hrt, aus denen beide ein Konsenspapier entwickelten, dass letztendlich f?r die Situation verwendet werden sollte. Ziel sollte es sein, dass Narius entlastet von diesem traumatischen Ereignis zuk?nftig gl?cklichere Beziehungen haben sollte, vielleicht sogar Andauernde. Wir hatten auch alle gehofft, dass er dann endlich mit diesem Zeitreisequatsch aufh?ren w?rde. Noch bevor er das Ding besa?, hatte er uns erz?hlt, wie man damit tolle Wochenendausfl?ge in die Renaissance oder an das Ende des letzten Jahrtausends machen k?nnte. Das er so eine Besessenheit entwickeln w?rde, h?tte hier keiner gedacht.
Oft hatte er schon dar?ber geschimpft, dass sich seine Eltern f?r eine dieser altmodischen Naturgeburten entschieden hatten. Das Wort Natur l??t hier allerdings einen leicht irref?hrenden Eindruck entstehen, tats?chlich ging die Geburt nicht im Wortsinne nat?rlich von statten, es wurden zahlreiche genetische Ver?nderungen vorgenommen, um ernsthaften Krankheiten vorzubeugen und die ?blichen Erweiterungen vorzunehmen, zum Beispiel die genetische Verk?rzung der Schwangerschaft auf 3 Wochen, die heute allgemein ?blich - weil einfach weniger schmerzhaft f?r die Mutter - war. Allerdings hatten seine Eltern auf weitergehendes genetisches Design komplett verzichtet. Kein vorimplantiertes Wissen, keine verbesserte Sinneswahrnehmung, keine Wachstumsbeschleuniger. Narius war nun 29 Jahre alt und sah tats?chlich aus wie 29. Das war auch in der Firma schon immer ein Kuriosum gewesen. Und es hatte ihn immer ge?rgerte, er f?hlte sich deswegen wohl ausgegrenzt.
Ziemlich geschafft kam Narius dann am sp?ten Abend von seinem letzten Meeting zur?ck und legte sich erwartungsfroh aber ersch?pft in die Falle.
Als er am n?chsten Morgen aufwachte f?hlte er sich schon ganz wohl, aber sp?rte noch keine deutlich definierbare Ver?nderung. Er kam in die Firma, war ?beraus entspannt. Tats?chlich plauderte er enthemmt mit diversen Mitarbeitern in der Mittagspause und ging abends auch noch mit in die Bar, was er sonst sehr selten tat. Erst als er am n?chsten Morgen neben Charles aus der Buchhaltung aufwachte, wurde ihm klar, dass er aufgrund seines Eingriffes in die Vergangenheit offenbar die Fronten gewechselt hatte. Sein Neurochip hatte die Aufzeichnung seiner Heterovergangenheit zur Gew?hnung einige Zeit blockiert, nun war es ihm aber bewusst und es gefiel ihm kein bi?chen. Wir haben noch alle versucht, ihn davon zu ?berzeugen, dass es vielleicht gar nicht so schlecht war, aber letztendlich erschien ihm das nicht zu seinem Charakterbild zu passen, dass er online von sich entworfen hatte und das Grundlage f?r die zahlreichen temporalen Eingriffe war.
Er war dann ?berst?rzt aufgebrochen, sicherlich wollte er durch eine weitere Zeitreise diese Ver?nderung wieder aufheben. Das war gestern Abend und heute war er dann nicht zur Arbeit gekommen.
Ich aktivierte mein Neurointerface und versuchte ihn zu erreichen, leider erfolglos. Dann hackte ich seine Logs und stellte fest, dass er in der Tat vor 6 Stunden abermals einen Zeitsprung gemacht hatte. Seit diese ganzen Zeitmaschinen zum Trend geworden waren, hatte man alle Neurointerfaces mit diesem Zeitrahmenbackup ausgr?stet, damit Ver?nderung anderer pers?nlicher Zeitlinien nicht ungefiltert durchgereicht wurden, denn das w?rde das Gehirn bis zur Schmerzgrenze belasten. Ich studierte also meine Diff-Liste und stelle fest, dass meine Erinnerung an Narius nur noch auf dem Backup existierte. In der realen Welt war Narius vor 12 Jahren ermordet worden, erstochen mit einem silbernen Dreizack. So einen hatte ich Narius letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt, er hatte immer eine Schw?che f?r maritime Devotionalien gehabt, obwohl er sich sonst gar nicht so sehr f?r Geschichte interessierte. Ich versuchte noch weitere Informationen ?ber den Vorfall abzurufen, mu?te dann aber wichtige Steuerunterlagen vorziehen, die in dreizehn Minuten f?llig waren.
Der virtuelle Chronometer schlug an, es war Zeit f?r meine Nachtruhe. Es war gar nicht Nacht, aber die ?berwachung meiner Biowerte, der Hirnwellen und alles lie? das Interface immer den perfekten Zeitpunkt und die n?tige Dauer f?r eine Ruhephase ermitteln. Ich schob mich an der Schlange vor dem Kaffeeautomaten, der eigentlich nat?rlich gar keinen Kaffee mehr ausschenkte sondern mehr der Kommunikation diente, vorbei in die Ruhehalle und die Kapsel brachte mich zur n?chsten freien Schale.
Als ich 5 Stunden sp?ter wieder erwachte und ins B?ro kam, sa? Narius an seinem Schreibtisch und sah gerade seine Mails durch. Ein kurzer Check seines Lifestreams zeigte, dass er vor drei Stunden als Clon wiedererweckt worden, dann vor Gericht wegen vors?tzlichen Mordes zu einer Arbeitsstrafe von 150 Jahren verurteilt worden war und diese Strafe in sein Neuroprofil eingespielt bekommen hatte, mit allen Erinnerungen, als h?tte er die Strafe tats?chlich selbst erlebt. Weil es ein temporales Vergehen gewesen war, hatte ihn das Gericht au?erdem zu 100 Stunden bei den anonymen Zeitreisenden verdonnert, seine Zeitmaschine durfte er aber behalten.
Am selben Abend lud Narius die B?rogemeinschaft ein. Wir reisten in das Jahr 1943 und bek?mpften die Nazis auf Seiten der franz?sischen Resistence. Die meisten wollten unbedingt an die Waffen und metzelten drauf los, ich hingegen hielt mich im Hintergrund am Funkger?t. Irgendwie machte mich der Gedanke traurig, dass diese Leute sich nicht aus Klonen wiederbeleben lassen konnten. Narius blieb ebenfalls zur?ck und organisierte den Nachschub. "Hoffentlich wird n?chste Woche nicht auch so stressig", sagte er zu mir. "Ich bef?rchte doch", antwortete ich. "N?chste Woche kommen die Steuerfachunterlagen der n?chsten Generation." Das w?rde sicher ein Haufen Arbeit werden, dachte ich bei mir.
finished 29.09.08 15:50