Leech in MatrixCorner
Leech wird, nachdem er bei StoneFox erfahren hat, welche Gefahren den Hackern und ihm drohen, von dessen Fahrer in einem neutralen Gef?hrt zu "Matrix Corner" gefahren. Diese Bar ist quasi ein geheimer In-Treff von Hackern jeglicher Gesinnung und denen die es werden wollen. Hier triftt man sowohl Geeks und Nerds als auch Script-Kiddies, Black-Hats direkt neben White-Hats. Offiziell ist das mehr oder weniger bekannt, allerdings gibt es einen geheimen Keller, den nur die besonderen Leute kennen und betreten k?nnen. Hier leben einige der gro?en Freelancer unter den Hackern und verstecken sich vor den Autorit?ten, denen sie ?bel mitspielen. Das "Matrix Corner" liegt im alten Bahnhof direkt ?ber einem der alten gro?en hard-wired Netzwerkknoten der Stadt. Hier haben schon die wahnwitzigsten Hacks stattgefunden, doch an kaum einem Ort ist man so gesch?tzt vor Zugriffen jeglicher Art. Der alte Bahnhof ist ein besonderes Geb?ude. Es wurde vor dem Bau der h?her gelegen Ebenen der Stadt einer anderen Gro?stadt abgekauft, die im Begriff wahr von den Bewohnern aufgegeben zu werden. Kurzerhand wurde das gesamte Geb?ude, dass bis dahin der Hauptbahnhof gewesen war, abtransportiert und auf eine der Hoverplattformen gesetzt, bevor diese vom Boden abgehoben haben.
Die Welt drau?en war in ein graues Blau getaucht. Der Abend brach an. Hier drinnen war alles hell erleuchtet, bunte Werbeschilder strahlten mit dem goldgelben Licht der Leuchtr?hren, die sich durch die gesamte Halle zogen, um die Wette. Beinahe so hell wie das Tageslicht. Aber durch die gro?en Panoramafenster konnte man die Welt da drau?en sehen. Und die war blau. Grau-blau. Und es wurde Abend. Schneeflocken fielen vom Himmel. Sie fielen schon l?nger, aber der Boden war offenbar noch nicht kalt genug gewesen, denn es lag nur eine hauchd?nne Schicht Schnee darauf. Und diese d?nne Schicht k?mpfte ums ?berleben. Doch weil es jetzt abend wurde, hatten die Flocken im Grunde guten Chancen nicht sofort zu tauen. Vielleicht st?rzten sich deswegen immer mehr dieser kleine Eissterne hinaus und fielen vom Himmel. Doch letztendlich w?rden auch sie irgendwann tauen, entweder fr?her, wenn jemand auf sie trat oder sp?ter, wenn am Morgen die Sonne wieder aufging und die Stra?enbeheizung aktiviert w?rde. Und dann w?re der Boden nicht mehr wei? sondern nur noch feucht. Und grau. Doch auch diese Feuchtigkeit w?rde entweder verdunsten oder aber versickern.
Wie dem auch sei, es sah fast unwirklich aus, wie der Schnee da so herabglitt, drau?en in der blau-grauen Welt. Wie eine Projektion auf einer Leinwand. Irgendwie unecht, flach. Als w?re es nicht wirklich die reale Welt. Aber tats?chlich war das die reale Welt. Und in dieser realen Welt h?lt ein Wagen direkt vor dem alten Bahnhofsgeb?ude, das so sch?n beleuchtet ist. Der Fahrer steigt aus, geht nach hinten und ?ffnet die T?r. Er hilft dem offenbar blinden Mann beim Aussteigen. Das ist es, was die Leute zu sehen bekommen. Wenn sie es denn sehen wollen. Sie wissen es nicht besser. Denn der Blinde ist nicht ganz so blind wie es scheint. Leech kann ?ber sein mobiles Interface zumindest die Schemen in seiner Umgebung sehen. H?user, Menschen, die k?nstlichen B?ume. Aber er erkennt nicht die Gesichter, die Farbe der Bl?tter, nichts dergleichen. Er sieht nicht, dass alles um ihn herum blau-grau ist. Und er sieht auch nicht den Schnee... aber er kann ihn sp?ren.
"Hat schon lange keinen Schnee mehr gegeben...erstaunlich." "Finden Sie? Also ich bin in Alaska aufgewachsen. Ich kann wirklich nichts erstaunliches an Schnee finden." "Sch?ne Landschaft da?" "Oh ja, durchaus beeindruckend aber, wie soll ich es sagen, man kann sich daran satt sehen. Irgendwann bemerkt man es einfach gar nicht mehr." "Mmmh, das k?nnte mir wohl nicht passieren". Leech grinst. Leech f?hlt die hauchd?nne Schicht Schnee unter seinen Schuhen. Das meiste wird wohl geschmolzen sein. Und versickert. Ein paar Zentimeter nur, bis es auf die Wasserschutzschicht trifft und dann in die Abwasserkan?le geleitet wird. Die meisten denken wohl das Wasser verschwindet einfach so (wenn sie ?berhaupt dar?ber nachdenken) aber das stimmt so nicht. Leech erinnert sich. Er hatte mal einen Hack f?r die Wasserwirtschaftsbetriebe gemacht, irgendwas mit geplanten Entlassungen, denen man zuvorkommen wollte. War mehr ein Akt der Barmherzigkeit, denn das sind in der Stadt nicht unbedingt die Jobs, um die sich die Leute rei?en. Aber da hatte er zum ersten Mal gesehen, wie clever doch die Infrastruktur der Stadt gel?st worden war. Immerhin hat quasi jede Hoverplattform ihre eigene Wasser-, Strom und Datenversorgung. Und alles funktionierte einfach, meist sogar vollautomatisch. Und wenn nicht, naja, dann kamen wieder Menschen ins Spiel... so ?hnlich funktionierte auch das Computersystem. Die Firmen hatten fast alle ihre ben?tigen Arbeitsschritte automatisiert. Und wenn keiner dazwischen funkte, w?rde alles einfach so funktionieren. Doch jedes gr??ere Unternehmen hatte sein kleine Abteilung mit Hackern. Die brauchte man immer dann, wenn etwas nicht funktionierte. Oder wenn irgendetwas Kreatives, Unerwartetes passierte. Wie zum Beispiel ein Angriff auf das Netzwerk.
Der Fahrer bringt Leech in das alte Bahnhofsgeb?ude. Man hat versucht alles hier so zu belassen, wie es ursp?nglich gewesen ist. Alte Lampen. Echte, fast schon antike, leuchtende Werbetafeln vom Anfang des Jahrhunderts. Wie in einem richtigen Bahnhof. Aber nur zwei Bahnsteige wurden tats?chlich noch benutzt, dort fuhr die U-Bahn. Ansonsten war das alles eher eine Touristenattraktion. Und unten im Keller war das "Matrix Corner", auf den ersten Blick eine eher unscheinbare Kneipe, wie es in der Umgebung dutzende gab. Etwas gr??er zwar aber durchaus nicht untypisch. Aus baulichen Gr?nden wurde der komplette Unterbau des Geb?udes, also Keller und andere Tunnel, im Originalzustand erhalten und die Hoverplattform eingefasst. So ist dieses Geb?ude das einzige auf der ganzen Plattform, dass ein komplett autarkes Kellersystem besitzt. Ein idealer Schlumpfwinkel, denn kaum jemand kennt s?mtliche G?nge und R?ume.
Im Gegensatz zu "echten" Bahnh?fen (es gab nat?rlich keine richtigen Z?ge mehr, sie h?tten zwischen den verschiedenen Plattformen und Ebenen der Stadt ?berhaupt keine Verbindungsm?glichkeiten), gab es hier keine Penner und Hausierer, kein M?ll lag herum und ?berhaupt wurde jedr Besucher schon am Eingang durch interaktive Warnschilder dazu gen?tigt, dieses Geb?ude als eine Art Tempel zu betrachten, dessen Verschmutzung einer Tods?nde gleich kam. Im Grunde war man angehalten nicht einmal zu fluchen, denn schon das w?re diesem heiligen Ort gegen?ber unangemessen. Am liebsten h?tte man es wohl, wenn am Eingang alle ihre Kopfbedeckung abn?hmen, sich die H?nde in geweihtem Wasser wuschen und ihr Schuhe ausz?gen.
?hnlich wie im Microsoft House, dr?ben in der Redmond Street. Das war das Letzte ?berbleibsel eines riesigen Softwarekonzerns, der zwanghaft der stetig wachsenden OpenSource-Gemeinde paroli bieten wollte. Und w?hrend andere gro?e Konzerne nach und nach auf OpenSource Software umstellten oder zumindest in ihr Angebot integrierten, geh?rte Microsoft zu den wenigen Firmen, die resulut auf die angeblichen Vorteile klassisch-kommerzieller Software pochten. Doch letztendlich l?ste freie Software in beinahe allen Sparten die MS-Produkte ab. Es gibt unter ?lteren Hackern noch immer den Brauch am 12. April nur so zum Spa? Windows auf ihren Maschinen zu installieren, weil an diesem Tag im Jahren 2010 erstmal mehr freie Betriebssystem weltweit benutzt wurden als Windows.
Danach war die Zahl von Windows-Nutzer immer r?ckl?ufig, bis aus dem Gro?konzern innerhalb weniger Jahre das wurde, was der Name vermuten l??t: Eine Mikro-Softwarefirma.
Nur echt antiquierte User (meistens arme Schlucker) und ganz beinharte Microsoft-Anh?nger benutzen heute noch MS Software, die eben allesamt im Microsoft House programmiert werden von einer Hand voll Veteranen. Aber die Firma ist im Grunde eine Mischung zwischen Museum und Kathedrale. Und am Eingang nehmen die letzten J?nger ihre Kopfbedeckungen ab und waschen sich die H?nde im Wasser bevor sie sich meditativ in ihre Cubicles zur?ckziehen um das n?chste Windows Update in die Kisten hacken. Die Schuhe d?rfen seit einiger zeit anbleiben, weil immer mal wieder Leute aus dem Apple Tower gegen?ber vor Lachen aus dem Fenster gefallen waren. Daf?r knien wohl wieder regelm??ig Pilgergruppen vor dem digitalen Foto von William Gates III.
Eigenartige Zeitgenossen...
Leech verabschiedet sich an der Treppe von seinem Fahrer. Es soll nicht jeder sofort sehen, dass er Hilfe hat. Man wei? nie, wer sich alles da unten rumtreibt. "Mr. Fox hat mich angewiesen, ihnen zur Verf?gung zu stehen. Sie k?nnen mich jederzeit kontaktieren, falls sie ein Fortbewegungsmittel ben?tigen." "Danke. Wir werden sehen." Leech steigt die Stufen hinab. Der L?rm, der oben in der Haupthalle allgegenw?rtig ist, flaut langsam ab. Es k?nnen gar nicht so viele Leute dort sein, offenbar wird der Saal zus?tzlich mit akustischer Bahnhofsatmosph?re beschallt.
Nur ein giftgr?nes Neon Schild h?ngt ?ber der m?chtig wirkenden Eisent?r. Leech kennt sich hier gut aus, fr?her war er hier sehr regelm??ig anzutreffen. Doch dann zog er sich, richtete sich seinen "Arbeitsplatz" zu Hause ein. Hier wurden es immer mehr Anf?nger, die einen, so wichtig der Nachwuchs auch war, meist nur von der Arbeit abhielten.
"Hoffentlich haben sie hier nichts ver?ndert...", denkt sich Leech. Dann spaziert er geradewegs auf die massive T?r zu, die scheinbar nirgendwo einen Griff oder eine Art T?rknauf zu haben scheint. Leech l?uft stur darauf zu und wird eher schneller als langsamer. Ein Schritt noch, dann steht er direkt davor. -Never change a running system- Und noch ein Schritt...
Leech steht inmitten eines gr?n beleuchteten Raumes...
the rabbit hole
Matrix Corner hat einen 1:1 Repr?sentation im dreidimensionalen CyberSpace. Allerdings ist die virtuelle Variante quasi dynamisch umbauf?hig und kann f?r spezielle Events einfach "umgerendert" werden. In der virtuellen Location finden zehntausende von Avataren virtuellen Platz (was nat?rlich auch daran liegt, dass ein Avatar hier nicht wirklich physisches Volumen besitzt), w?hrend in der realen Welt schon 100 Leute gen?gen um die verwinkelte Bar zu ?berf?llen. Im Grunde ist es nicht viel mehr als mehrere ehemals durch dicke W?nde getrennte Kellerr?ume, die selbst nachdem eben diese W?nde nahezu komplett entfernt wurden, genug versteckte Ecken bietet damit sich die G?ste nicht zwangsl?ufig gegenseitig sehen k?nnen. Dieser Effekt wird durch sp?rliche Beleuchtung an den Tischen noch unterst?tzt. Lediglich die ca. 15m lange Bar an der einizige durchg?ngigen Wand ist durch knallgr?ne Neonleuchten derart aufdringlich illuminiert, dass einem schon nach f?nf Minuten die Tr?nen in die Augen treibt, wenn man sie ansieht.
Alle diese Eigenschaften treffen im Grunde auch auf die virtuelle Location zu. Aber aufgrund des starken Andrangs wurden s?mtliche R?umlichkeiten vergr??ert und durch zus?tzliche R?ume erg?nzt. Durch das Netz k?nnen hier z.B. Menschen von ?berall her an Konzerten im "MC" teilnehmen. Meistens finden solche Events (schon aus Kostengr?nden) nur noch on-line statt, auch um die arbeitenden Hacker, die sich in der realen Welt immer hier zu versammeln pflegen, nicht zu st?ren.
Die Technik um diese virtuelle Realit?t in die K?pfe der Leute zu projizieren hat Leech ma?geblich mitentwickelt. Zusammen mit einem Kumpel der schon bei (Name der Firma) mit ihm gearbeitet hatte. Vor dem Unfall.
N?chste Woche war wohl wieder solch ein Event geplant. Ein HoloPoster, dass hier ?berall die W?nde zierte, k?ndigte an, dass das "MatrixCorner" einen Konzertmarathon veranstaltet. On-Line versteht sich. Die meisten G?ste, die im virtuellen MC dieses Konzert besuchen, werden in der realen Welt irgendwo anders sein. Und auch die K?nstler werden nicht tats?chlich dort sein, sondern lassen ein holographisches Abbild von sich aufzeichnen, welches dann in der virtuellen Welt performt. Darum werden auch einige K?nstler auftreten k?nnen, die eigentlich dazu nicht mehr in der Lage sind. Weil sie z.B. schon tod sind.
unter den so genannten Class Ex befinden sich immer wieder Aufzeichnungen von Konzerten aus den Neunziger Jahren, wo es noch keinerlei Holo-Technik gegeben hatte. Aus alten Fernsehaufnahmen werden holografische Bilder generiert, eine Technik, die Leech ma?geblich mitentwickelt hat.
main page
characters: Jack, Leech, Father Tecks, Tridia, StoneFox
scenes: Der Anfang, Inside a rotten building, Es hat geregnet, Leech auf der Flucht, Leech in "Matrix Corner"
close-to-ready: Prolog, ChapterOne
glossar: CSB, LeechsInterface, Hacker, HackerKernel, Corp10
CategoryHackersGuide