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Mit anderen Augen

An manchen Tagen wei? man einfach nichts mit sich anzufangen.
An manchen Tagen scheint alles getan, was man gerne tun w?rde.
Und auf alles andere hat man keinen Bock.
An solchen Tagen gehe ich meist spazieren.
Einfach so, ohne ein richtiges Ziel. Einfach raus an die frische Luft.
So wie heute. Ist eigentlich ein richtig sch?ner Tag, aber man hat einfach nichts mehr sinnvolles zu tun und vielleicht will ich auch gar nichts sinnvolles tun. Und deswegen bin ich einfach rausgegangen. Und dann hier in den Park. Ist ein sch?ner Park und ich bin ganz gerne hier. Es ist Fr?hling aber f?r die Jahreszeit deutlich zu k?hl. Naja, zumindest meinem Empfinden nach, aber es st?rt mich nicht, im Gegenteil ich mag es nicht, wenn es so richtig warm ist. Kommt man viel zu leicht ins Schwitzen. Ich gehe so durch den Park und komme an eine Bank und ich denke mir, setz' dich doch mal. Ich mache das eigentlich nicht so gern, man kommt sich immer so alt vor, wenn man da so im Park auf der Bank sitzt. Aber heute ist mir das irgendwie egal. Und ich setze mich.
Ich beobachte die Leute im Park. Ich find's immer ziemlich interessant. Die Leute denken ja nicht, dass sie jemand beobachtet. Dann verhalten die sich ganz anders, glaub' ich. Ich meine, wenn du so jemanden triffst, auf der Stra?e par exemple, dann wei? der ja genau, dass er nicht allein und unbeobachtet ist. Und dann verh?lt er sich auch entsprechend. Normal. Aber wenn du denkst, keiner achtet auf dich, dann ist das was anderes. Naja, ich zumindest mache das so. Wenn ich da so sitze und die Leute beobachte und jemand starrt mich pl?tzlich an, so als ob ich was Verbotenes tue... also das st?rt mich ungemein. Aber es sind nicht viele Leute hier und die scheinen auch alle mit sich besch?ftigt zu sein. Da f?hle ich mich sicher...
Da hinten kommt gerade eine Mutter mit zwei kleinen Kindern. Sie schiebt einen Kinderwagen, da wird sch?tzungsweise ihr drittes Kind drinnen liegen. Und da unter dem Ahornbaum, da ganz hinten neben den Birken, da sitzt ein P?archen auf einer Decke. Sie liegen nebeneinander und starren in die Baumkrone, aber ich sch?tze mal die reden. Kann man nicht erkennen, aber meistens reden die doch, oder? Manchmal denke ich die Leute sollten eh viel mehr miteinander reden. Gut, das sagt der Richtige. Ich bin da wahrscheinlich kein gutes Beispiel, besonders nicht jetzt, wo ich hier alleine auf der Bank sitze und einen inneren Monolog f?hre. Naja, aber manchmal da denke ich auch, dass soviel geredet wird und so wenig gesagt. Ich meine jeder m?chte doch mitreden, oder? In der Politik, im Beruf, privat. Auf Partys, beim Essen, in der Stra?enbahn, im Kino, im Fernsehen, beim Fernsehen. Meistens sogar vollkommen unabh?ngig davon, ob man wei?, wor?ber man redet. Und dann denke ich mir, es w?re gut wenn man einfach auch mal die Klappe hielte. Naja, aber die beiden da, die reden jetzt sicher. Auch gut.

Erst jetzt f?llt mein Blick auf eine andere Bank schr?g gegen?ber auf der anderen Seite des Parks. Da sitzt jemand. Ich kann nicht wirklich gut erkennen wer da sitzt, dazu sind zu viele B?ume im Weg. Manchmal weht der Wind die ?ste ein wenig zur Seite, dann kann man was sehen.
Jetzt kann ich sehen, dass es wohl ein M?dchen ist. Sie hat lange blonde Haare, ein ziemlich sicheres Zeichen, dass es sich um ein M?dchen handelt. Gut, heute kann man da nicht mehr so sicher sein. Die Haare k?nnten auch gef?rbt sein, ist aber ziemlich egal. Aber jetzt dreht sie sich gerade um und ich kann ihr Gesicht sehen. Eindeutig ein M?dchen. Sieht h?bsch aus. Sie tr?gt eine Sonnenbrille.Und sitzt da auf der Bank mitten in der Sonne. Wird so Anfang zwanzig sein sch?tze ich mal. Bin nicht besonders gut im sch?tzen, aber so Pi mal Daumen kommt das schon hin.Also eigentlich schon eine junge Frau. Bis zu welchem Alter sagt man eigentlich M?dchen? Keinen Schimmer, aber ich finde einfach es klingt besser als Frau. Oder auch junge Frau. Das sagen alte Leute z.B. Im Supermarkt: ?Junge Frau, k?nnen sie mir mal die Schachtel oben aus dem Regal geben?? So in der Art. Oder M?tter zu ihren T?chtern: ?Du bist jetzt eine junge Frau, also benimm dich auch so.? Aber ich bin ja selbst noch ein junger Spund. Und ich finde, ich darf noch M?dchen sagen. Ich glaube auch nicht, dass mir das jemand ?bel n?hme.
Irgendwas ist aber komisch an dem M?dchen, ich wei? nicht was. Aber sie ist die einzige, die da allein auf einer Bank sitzt. So wie ich. Ob sie auch die Menschen beobachtet? M?glich w?r es wohl. Aber ich kann das beim besten Willen nicht erkennen. Vielleicht sollte ich ein bi?chen n?her heran gehen. Da ist noch eine freie Bank. Aber ehrlich gesagt, ich trau mich nicht. Wie sieht denn das aus? Wie einer, der die Leute bespitzelt. Ach, was soll's. Ich kann mich schlie?lich setzen wohin ich will. Und da dr?ben ist auch mehr Schatten. Die Sonne ist gerade hinter den Wolken hervorgesprungen. Da wird?s hier in K?rze ziemlich warm werden. Und es weht kein laues L?ftchen. Ich gehe mal einfach da dr?ben hin.

Ach ja, sitzt sich gleich viel angenehmer hier im Schatten. Die Bank steht am selben Weg wie die, wo das M?dchen sitzt. Vielleicht zehn Meter oder so. Aber ich sehe sie von der Seite. Ich glaub' auch nicht, dass sie mich gesehen hat. Hmm, also irgendwie sieht sie anders aus als die ?brigen Parkbesucher. Ich wei? auch nicht. Irgendwie traurig. Aber es ist doch so ein sch?ner Tag? Ob es ihr nicht gut geht? Naja, ich kenne das. Manchmal hat man ja so Tage, da kann einen nichts wirklich fr?hlich stimmen. Dann ist irgendwie alles Mist. Da kann das Wetter super sein, die Leute freundlich und so. Alles egal. Du bist traurig. Vielleicht geht?s ihr ja heute genau so. Ist ja auch normal, oder? Einfach mal traurig sein wollen. Tut ja manchmal auch ganz gut. Dann wei? man wenigstens zu sch?tzen, wenn man dann wieder fr?hlich ist. Das eine geht nicht ohne das andere. ?Wer den Schatten nicht kennt merkt nicht wenn er im Licht steht.? Hat Oma immer gesagt. Und sie hat viele kluge Sachen gesagt meine Oma.
Hmm, sie scheint ein bi?chen blass. Sitzt wahrscheinlich nicht so sehr h?ufig in der Sonne. Deswegen vielleicht auch die Sonnenbrille. Naja, ich hab' fr?her als Kind auch immer wie ein K?se ausgesehen. Jedesmal haben die ganzen Verwandten rumgewundert: ?Ach, was ist der Junge bla?. Lasst ihr den denn nie an die Sonne?? Und meine Eltern dann immer ganz verlegen, aber sie konnten halt nichts daf?r. Ich war nie gerne drau?en als Kind. Eher ein Stubenhocker.
Jetzt nimmt sie da etwas aus ihrer Tasche. Ich kann nicht richtig erkennen was es ist. Oh, ein Telefon. Mit wem sie wohl spricht. Vielleicht mit ihrem Freund? M?glich w?r's. Sie sieht wirklich h?bsch aus. Von hier noch mehr als vorhin. Ich kann nicht sehen ob sie jetzt l?chelt. Nein, sie spricht zwar, aber ein L?cheln kann ich nicht erkennen. Hmm, vielleicht spricht sie mit jemandem, den sie nicht mag? M?glicherweise hat sie sich von ihrem Freund getrennt, aber er ruft sie immer noch an. Ich stelle mir das so vor. Die beiden sind getrennt und es macht ihr vielleicht ziemlich zu schaffen, weil sie ihn wirklich geliebt hat. Und sie m?chte das vergessen und dar?ber hinwegkommen. Aber er ruft immer mal wieder an und das erinnert sie nat?rlich an ihn. Und dann ist sie wieder traurig. Ja, besonders froh sieht sie wirklich nicht aus. K?nnte also sein. Da kann ich mitf?hlen glaub' ich. Das ist schon hart. Naja, aber m?glicherweise ist es auch jemand anderes. Ihre Mutter, die anruft um ihr zu sagen, dass Vater krank ist. Da w?r ich auch traurig. Ob's meinen Eltern gut geht? Hab' sie schon wochenlang nicht mehr gesprochen. Vielleicht ist etwas passiert. Aber nein, dann h?tten sie doch angerufen. Oder?
Naja, das denke ich mir jetzt nur so. Aber k?nnte ja sein. Und es ist auch niemand da, mit dem sie jetzt dar?ber reden k?nnte. Sie sitzt ja ganz allein auf der Bank. Aber vielleicht will sie ja auch gar nicht dar?ber reden. Ich kenne das von mir. Wenn es mir so richtig schlecht geht, dann bin ich eigentlich am liebsten allein. Nicht immer.
Manchmal ist es auch sch?n reden zu k?nnen. Notfalls mit mir selbst. Aber das kommt nicht so h?ufig vor. Hoffe ich...
So, jetzt steckt sie das Telefon wieder ein. Hmm, ja, sie sieht immer noch traurig aus. Aber nicht trauriger als vorher. Also wer wei?.
Eigentlich bin ich gar nicht so neugierig. Warum interessiert mich das M?dchen so sehr? Irgendwas ist an ihr Besonderes, aber ich wei? immer noch nicht, was das sein k?nnte. Gott, wenn mich jetzt jemand sieht. Die denken noch sonst was.
Jetzt holt sie irgendein Papier aus der Tasche, die sie neben sich auf der Bank stehen hat. Ziemlich gro?, da geht 'ne Menge rein. Ah, sie liest. Das kann ich sehen, weil sich ihr Zeigefinger ?ber das Blatt bewegt. Hmm, was sie wohl liest? K?nnte ein Brief sein. Aber ich kann's beim besten Willen nicht erkennen, von hier aus. Nicht mal ob's gedruckt oder handgeschrieben ist. Mein Gott bin ich heute neugierig. Ist doch sonst nicht meine Art. Ob ich wohl mal r?bergehen sollte? Fragen, ob ich mich zu ihr setzen darf? Ach nein, da bin ich wohl auch zu feige. Au?erdem so traurig wie sie aussieht ist sie wahrscheinlich nicht auf Gesellschaft aus. Ich will ja nicht st?ren.
Oh, ist schon ziemlich sp?t. Und es bew?lkt sich langsam. K?nnte Regen geben. Die Sonne scheint schon hinter den Wolken in Sicherheit gegangen zu sein. Nachher gibt?s noch ein Gewitter. Ein paar Leute sind jetzt schon aufgestanden und gehen. Das P?archen unter dem Ahorn z.B. legt seine Decken zusammen. Hui, sieht so aus als ob die sich ziemlich streiten. Auah, da fliegen die Fetzen. Sie ist ganz rot im Gesicht. Aber er scheint eher unbeeindruckt zu sein. Eigenartig. Vielleicht hat er ihr gerade einen Seitensprung gestanden. Oder so was ?hnliches. Mannomann, das ist ja besser als Fernsehen. Jetzt wirft sie mit der einen Decke nach ihm. Da geht?s aber zur Sache. Jetzt entgegnet er wohl irgendwas aber er sieht dabei nicht sonderlich engagiert aus. Klatsch! Oh, falsche Antwort w?rde ich mal sch?tzen. Das hat gesessen. Da kann man sich die Schadenfreude kaum verkneifen. H?h?...
Das M?dchen schaut auch in die Richtung. Aber sie scheint sich nicht so zu freuen wie ich. Mmhh, sie muss wirklich traurig sein. War meine Theorie vorhin vielleicht doch nicht so falsch. Vielleicht kennt sie solche Situationen ja auch. Und findest's deswegen nicht lustig. Hmm, naja, wenn ich so dar?ber nachdenke, so lustig ist es auch gar nicht. Ich meine viele Leute streiten sich. Aber ist auch irgendwie immer doof. Man sollte sich nicht streiten m?ssen, oder? Ich glaube, es passieren viele traurige Dinge auf der Welt, nur weil sich Menschen streiten. Ja, Hass, Neid, Gewalt und Kriege. Meist beginnt es mit harmlosen Streitereien. Wer wei?, vielleicht waren die beiden verheiratet und jetzt lassen sie sich scheiden. Und sie haben vielleicht Kinder und der Mann mu? dann Unterhalt zahlen. Und es ist ihm nicht egal, er liebt seine Kinder vielleicht, nur eben seine Frau nicht mehr. Und seine Frau ist so entt?uscht, dass sie glaubt sich nie wieder verlieben zu k?nnen. Und die Kinder sind hin- und hergerissen zwischen den Eltern. Und es gibt Besuchsregelungen per Gericht, weil die Eltern nicht miteinander reden k?nnen. Passiert ja leider fast tagt?glich. Mann, ich mu? aufpassen, dass ich nicht noch depressiv werde hier auf meiner Bank. Naja, kann alles passieren. Nur wegen eines Streits.
Das M?dchen sitzt noch immer da auf der Bank. Der Wind weht leicht. Eine k?hle Brise. Ich glaube, ich gehe doch mal r?ber. Mensch, dass hab' ich ewig nicht mehr getan. Einfach ein M?dchen angesprochen. So unvermittelt, ohne das man sich kennt. Aber was soll's? Mehr als ablehnen kann sie nicht. Und so schlimm seh' ich ja wohl nicht aus. Also los.

?Entschuldigen Sie, h?tten Sie wohl etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setzen w?rde.?
Sie schaut mich an.
?Aber nein, setzen Sie sich nur.? - Ja! -
?Danke.?

Hmm, sie hat kurz gel?chelt, glaube ich. Ganz sicher. Aber ich werde das Gef?hl nicht los, dass sie irgendetwas bedr?ckt. Sie schaut einfach in die Leere des Parks.
?Sagen Sie, kommen sie h?ufiger her?? Damit das klar ist, sie hat mich gefragt.
Ich h?tte niemals...
?Nun ja, hin und wieder. Ist ein sch?ner Park. Und ich beobachte gern die Menschen.?
?Ahh... haben Sie mich denn auch beobachtet?? - Ob sie mich gesehen hat? -
?Nun ja, schon. Irgendwie. Haben Sie mich gesehen?? - Was soll man da schon sagen? -
?Nein, keine Angst.? Sie grinst.
?Also, nicht das Sie jetzt denken... Sie sind mir nur aufgefallen...?
?Oh, nun, ich fasse das mal als Kompliment auf.?

Wir sitzen noch eine Weile nur so da. Da hinten ist die Frau mit dem Kinderwagen. Sie f?hrt auch aus dem Park. Der Himmel verdunkelt sich immer mehr.
Hmm, es sieht wirklich nach Regen aus. Vielleicht sollte ich auch langsam gehen.
?Es sieht ein bi?chen nach Regen aus. Ich glaube, ich geh' dann mal.?
?Oh, w?rden Sie mich ein St?ck begleitet? Ich mu? r?ber zur Haltestelle.?
?Gerne, wenn ich Sie nicht st?re.?
Sie nimmt etwas aus ihrer Tasche. Jetzt kann ich einen gelb-schwarzen Anstecker an ihrer Jacke erkennen.
?Wissen Sie, es ist f?r mich nicht so einfach, mich hier in der Gegend zurechtzufinden. Ich wohne noch nicht lange hier.?
Sie faltet einen Stock auseinander und steht auf. Ich stehe ebenfalls auf. Und nehme ihre Hand.
?Kein Problem, die ist da dr?ben. Ich bringe Sie hin.?
?Danke.? Da pl?tzlich geht laut zankend das P?archen vom Ahornbaum an uns vorbei.
?Uiuiuih, die fetzen sich ganz sch?n.?
?Ja, h?rt sich ziemlich fies an.? Sie l?chelt.
?Sie h?tten mal sehen sollen, wie die sich vorhin da dr?ben unter dem Ahorn... Oh, entschuldigen sie...? - Das Fettn?pfchen war meines! -
?Nein, kein Problem. Erz?hlen sie's mir!? Sie l?chelt mich an.
?Ok, auf Ihre Verantwortung. Ich bin ein schrecklicher Geschichtenerz?hler, wissen Sie...?
?Lass aber um Gottes Willen dieses dumme 'Sie' weg. Ich hei?e Monika. Und du??
?Ich bin Kris. Sch?n dich kennenzulernen.? Sie l?chelt noch immer. Sie hakt sich bei mir unter und wir gehen los.
?Also pass auf, das war so...?

An manchen Tagen ist es ganz gut, dass man nichts mit sich anzufangen wei?.

geschrieben am 15.05.2005 in ca. 3 Stunden (c) JHE

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