Simulation des K?rpers
der moderne K?rperbegriff nach Jean Baudrillard
eine Hausarbeit im Rahmen des Seminares "Medien und P?dagogik in medienanthropologischer Perspektive" von Dr. Benjamin J?rissen an der Otto-von-Guericke Universit?t Magdeburg
Unknown action ""toc""
(einfuehrung)1. Einf?hrung
In der Menschheitsgeschichte hat es immer wieder die unterschiedlichsten Betrachtungen des menschlichen K?rpers gegeben. Alchimisten und Wissenschaftler der Antike haben den K?rper mit der Natur in Verbindung gebracht, mit den Gestirnen und den vier Elementen versucht seine Zusammensetzung zu erkl?ren. Detaillierte K?rperdarstellungen findet man allerorts. In der Renaissance wurde dieses K?rperbild wiederbelebt, doch begann man auch K?rper aufzuschneiden, zu untersuchen und ihre Funktionsweise zu studieren.
In der Neuzeit spaltete man den Menschen auf in seinen K?rper und seine Seele (oder im Folgenden auch in Geist, K?rper und Seele). Der K?rper wurde prim?r als eine Maschine betrachtet, deren Funktionsweise man mehr und mehr aufdeckte, aber auch als Herberge f?r die Seele, die man sich nicht so leicht erkl?ren konnte und von der man bis heute keine klare Vorstellung hat.
Der K?rper wird geschm?ckt, gest?hlt und dient bzw. diente immer als Aush?ngeschild des sozialen Status zahlreichen performativen Zwecken. Behinderungen, Hautfarbe und sonstige k?rperlichen Auff?lligkeiten haben h?ufig zu Abgrenzungen zwischen den Menschen gef?hrt. Der K?rper ist auf der Suche nach der menschlichen Identit?t in vielerlei Hinsicht ein interessanter Knotenpunkt. Seine Darstellung, seine Verwendung, die Wertsch?tzung, die ihm entgegenbracht wird (oder auch nicht), all diese Dinge bilden unseren K?rperbegriff, unser Konzept von K?rperlichkeit.
Jean Baudrillard (geb. 1929) ist ein franz?sischer Philosoph und Soziologe, dessen Theorien und Kritik sich auf zahlreichen Themen der Postmoderne wie Simulation, Virtualit?t, Globalisierung und Medien beziehen. Er setzt sich mit grundlegenden Untersuchungen des Symbolsystems auseinander und entwickelte basierend auf dieser Betrachtung eine Anti-Medientheorie. Baudrillard ist zurzeit Professor f?r Medien und Kultur an der European Graduate School in Saas-Fee, Schweiz.
Dieser Text versucht einen modernen K?rperbegriff aus den verschiedenen Ausf?hrungen Baudrillards abzuleiten und zu konstruieren. Dabei werde ich einerseits Ideen, die sich konkret auf den K?rper beziehen analysieren und andererseits die komplexe Idee der simulierten Realit?t auf die moderne Verwendung und das allgemeine Konzept von K?rper anwenden. Eine zentrale Frage soll auch sein, ob es tats?chlich Anzeichen und Beispiele gibt, die dieses neue K?rperbild untermauern und wie sich dies auf die Zukunft auswirken kann.
Doch zun?chst soll die allgemeine Gedankenwelt von Baudrillard und die speziellen Begrifflichkeiten erl?utert werden.
(definition) 2. Die Definition von Simulacrum und Simulation
Um auf die verschiedene Texte von Jean Baudrillard eingehen zu k?nnen, scheint es mir sinnvoll einige grundlegende Ideen zu etablieren, die man wohl Baudrillards Gedankenwelt zugrunde legen muss und die daher notwendig sind, um zu verstehen worum es ihm geht.
Baudrillard spricht immer wieder von der Simulation. Dabei handelt es sich einfach gesagt um eine vereinfachte Darstellung eines Vorganges, einer Funktionsweise oder eines Prinzips. Einzelne Aspekte eines komplizierten Vorganges werden dabei bewusst vereinfacht oder Details vernachl?ssigt damit man die Zusammenh?nge leichter erfassen kann. Dabei ersetzt man dann die komplexen Teile des Systems durch Vereinfachungen, die im Grunde nicht real sind. Es sind gedankliche Konstrukte, die aber leichter vorstellbar sind. Will man beispielsweise eine grafische Simulation einer Warteschlange bei der Post darstellen, so w?rde man anstelle einer realistischen Darstellung der Menschen in dieser Schlange wohl eher Punkte oder ?hnliches verwenden um die essentielle Information zu erhalten aber die Details zu vernachl?ssigen. Tats?chlich stehen nat?rlich Menschen dort und eben keine Punkte. Die daraus entstehende abstrakte Ebene ist es auf die sich Baudrillard h?ufig bezieht. Es bedeutet, dass der R?ckschluss nicht mehr gezogen und die Simulationsebene nicht auf die Realit?t zur?ckgef?hrt werden. Meist handelt es sich dann um eine Art von Virtualit?t, die beschrieben werden soll. Ein anderes Beispiel daf?r ist die ?Gegen?berstellung von Territorium und Karte? (Lagaay/Lauer 2004 [1], S.139).
Das Simulacrum indes setzt genau an dieser Stelle an. Hierbei handelt es sich laut Baudrillard um eine Simulation deren realer Ursprung gar nicht (oder nicht mehr) existiert. Ein Beispiel daf?r ist Gott. Baudrillard beschreibt ihn als eine Vorstellung, eine Idee bzw. ein Konzept, dass sich nur durch die Menschen, die es verbreiten, am Leben erhalten hat. Da die Existenz von Gott nicht nachgewiesen ist, kann man dies als das perfekte Simulacrum auffassen. (Baudrillard 1994 [2], S. 4) Es ist das Modell von etwas, dass hyperreal ist. Ein weiteres Beispiel ist die schon erw?hnte Landkarte. Um eine solche anzufertigen, wird die Form eines bestimmten Territoriums verkleinert und um zahlreiche Details ?rmer repr?sentiert. Bezugnehmend auf eine alte Fabel von Jorge Luis Borges, w?rde eine Karte, die alle Details wiedergeben wollte, exakt die Dimensionen ihrer Vorlage erreichen. Baudrillard sagt, dass heutzutage diese Karte den eigentlichen Landstrich entweder ?berlebt oder ihm sogar vollends vorausgeht. Die Repr?sentation der Realit?t ersetzt die Realit?t. Die Virtualit?t wird allgegenw?rtig und sie ist beliebig reproduzierbar. Wir nehmen nur noch die simulierte Realit?t war, wie sie uns z.B. durch die Medien geliefert wird. Doch die Simulation ist nicht zu durchschauen. ?Jemand, der eine Krankheit fingiert, kann sich einfach ins Bett legen und den Anschein erwecken, er sei krank. Jemand, der eine Krankheit simuliert, erzeugt an sich eigene Symptome dieser Krankheit.?
Es scheint mir offensichtlich, aber nichtsdestotrotz soll es auch erw?hnt werden, dass diese Vorstellungen Baudrillards, die Grundidee f?r die ?Matrix-Filme liefert. Es scheint mir sinnvoll darauf hinzuweisen, dass diese daher die Ausf?hrungen, mit denen ich mich im Folgenden besch?ftige, stellenweise wirkungsvoll visualisieren. Dies gilt insbesondere f?r die zuvor erl?uterten Begriffe. (z.B. Die Simulation einer Welt, die nicht mehr real existiert) Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass Baudrillard selbst da wohl anderer Meinung ist.
Baudrillard benutzt auch selbst den Begriff Matrix relativ h?ufig, allerdings bezieht er sich dann zumeist auch auf die klassische Repr?sentation eines zweidimensionalen Feldes mit verschiedenen Inhalten, die in Beziehung zu setzen sind und auf die Idee eines Systems von Codes, Repr?sentationen, die f?r etwas Reales stehen und in seiner Gedankenwelt diesem Realen vorgeschaltet sind und es somit ersetzt haben. Dabei spielt auch sein ge?nderter Medienbegriff ein Rolle, den ich im Folgen noch genauer erl?utern werde.
(koerperverschwindet) 3. Der K?rper verschwindet ? Von Klonen und Hologrammen
(duplikat) 3.1 Aufl?sung durch das Duplikat
Einer der wohl bedeutendsten Aspekte im Hinblick auf die Ver?nderung des K?rperbegriffes ist zweifellos das Entschl?sseln der menschlichen Gene. Wie auch s?mtliche anderen Dinge durch wissenschaftliche Analyse in immer grundlegendere Bausteine zerlegt worden sind so glaubt man nun mit dem menschlichen Genom einen wichtigen wenn nicht gar den wichtigsten Schl?ssel f?r die Funktionsweise des menschlichen (aber als weiteren Aspekt nat?rlich auch jedes anderen) K?rpers verstanden zu haben.
Aber dieser Umstand greift auch einen sehr urspr?nglichen und fundamentalen Wert f?r den Menschen und dessen Identit?t an. ?Of all the prostheses that mark the history of the body, the double is doubtless the oldest. ? (Baudrillard 1994 [2], S.66) sagt Baudrillard und verweist darauf, dass das Ebenbild (der Schatten, das Spiegelbild) immer Teil des Subjektes ist und doch auch sein Gegensatz. Doch wenn das ?Doppelte? tats?chlich erscheint und sichtbar wird, dann sei es gleichbedeutend mit Tod. Demnach basiert die Kraft des Ebenbildes auf seinem Nicht-Vorhandsein. Tats?chlich hat wohl jeder Mensch sich schon einmal vorgestellt, wie es w?re, wenn es eine exakte Kopie von ihm g?be, es gibt zahllose Filme, in denen mit dieser Idee gespielt wird, weil sie offenbar die Menschen fasziniert. Doch dies gilt nur solange, wie es sich um eine Fantasie handelt, die nicht real ist.
Genau diese Grenze wird mit dem Klonen ?berschritten. Das Klonen erm?glicht es eben genau jene perfekte Kopie herzustellen, einen Menschen zu duplizieren wobei jede einzelne Zelle im menschlichen K?rper (egal welches Teils des K?rpers) als Ursprung f?r eine komplette Kopie dienen kann, ?becoming the matrix of an identical individual?( Baudrillard 1994 [2], S.66) Baudrillard bezeichnet diesen Vorgang als ?the purest form of parentage? weil es durch diese Technologie m?glich ist unabh?ngig vom anderen Geschlecht Nachkommen zu erzeugen (allerdings bestehe die Einschr?nkung, dass technisch immer noch bestimmte weibliche und m?nnliche ?Bauteile? vorausgesetzt werden, aber tats?chlich w?re dies wohl vernachl?ssigbar und in jedem Fall anonym und daher ersetzbar). Dieses Vorgehen umgeht die komplette Vorstellung und Struktur des Fortpflanzens, denn es kommt ohne jegliche Idee einer Mutter oder eines Vaters also eines Ursprungs aus. Sie sind f?r die Herstellung neuen Lebens unn?tig geworden und sie wurden ersetzt durch den genetischen Code, eine neue, funktionelle Matrix. Darin liegt jetzt (wenn ?berhaupt) der Ursprung und die Kontrolle ?ber das Leben.
Viel bedeutender aber ist wohl der Verlust des Subjekts. Denn in dem Moment, in dem das perfekte Duplikat entsteht ist die Einzigartigkeit des Subjektes verloren, dass, was ihn von allen anderen unterschieden hat ist reproduzierbar. Es ist nicht vergleichbar mit einem Ideal, einer Idee von einem doppelten Selbst, die wie erw?hnt immer noch durch ein Bild gefiltert wird beispielsweise durch das eigene Spiegelbild und damit nie exakt das ist was das Subjekt darstellt. Es wird immer ver?ndert um sich selbst wieder zu finden. Nicht davon geschieht durch Klonen. ?No more medium, no more image? (Baudrillard 1994 [2], S.67) Selbst bei eineiigen Zwillingen handelt es sich um zwei, die zusammen sind, nicht ein Einziges.
Daraus ergibt sich laut Baudrillard, die Nichtigkeit des K?rpers, denn jedwede Information ?ber seine Existenz kann aus dem kleinsten Bauteil gewonnen werden: der Zelle. Jede der Zehntausenden von Millionen von Zellen beinhaltet den Bauplan f?r den gesamten K?rper so, dass er sich selbst ?berfl?ssig macht und zu seiner eigenen Fortpflanzung nicht mehr notwendig ist. ?If all information can be found in each of its parts, the whole loses its meaning?(Baudrillard 1994 [2], S. 67). Und der K?rper ist immer das ganze und nicht nur ein Teil seiner selbst. Hier stellt sich aber doch die Frage, wie sehr man ?berhaupt einen K?rper reduzieren kann, ohne das er aufh?rt ein K?rper zu sein. Verliert ein Mensch beispielsweise all seine Extremit?ten, ist das was ?brig bleibt trotz allem ein K?rper? Und wenn, ja, kann ich den K?rper dann wom?glich auf eine Zelle reduzieren? Ich halte die Frage f?r offen, auch wenn Baudrillard dies verneint. Es ergibt sich, so Baudrillard, ein weiteres Paradoxon, denn das Klonen erschafft trotz allem noch immer Menschen eines bestimmten Geschlechtes wobei es aber die etablierte Funktion dieser geschlechtlichen Unterscheidung, die klassische Fortpflanzung, unn?tig werden l?sst. Und doch ist Geschlecht ein grundlegender Bestandteil des K?rpers der dadurch wiederum an Bedeutung verliert. Ein Teil, der die Informationsmenge ?bersteigt, die ein K?rper zu beinhalten vermag. Und diese Informationsmenge ist der genetische Code der seine eigene Reproduktion beinhaltet. Die anhaltende Analyse des K?rpers und sein Aufteilen und Zerlegen in Organe und Funktionsbereiche und das wiederholte Unterteilen dieser Teile ist eine Auswirkung davon. Eine K?rpersimulation, die das ganze als einfache Zusammensetzung seiner Einzelteile zu begreifen versucht. So wird allm?hlich jedes Einzelteil mit seiner Aufgabe zu einer Prothese. Jedes Teil kann ersetzt werden durch das, was man klassischer Weise als Prothese bezeichnen w?rde, aber wenn es nicht Teil des K?rpers ist, dann ist es schon l?ngst zur Prothese geworden. Und deswegen kann man die DNS als die ultimative Prothese begreifen, die s?mtliche Informationen enth?lt um den K?rper aus sich selbst heraus entstehen zu lassen und zu erhalten. Der K?rper ist dann nichts anderes mehr als eine ?endlose Serie seiner Prothesen? (?indefinite series of its prostheses?, Baudrillard 1994 [2], S.68). W?hrend klassische Prothesen eben funktionsunf?hige Teile des Organismus ersetzen oder reparieren sollen z.B. K?nstliche Gliedma?en aber auch die wohl verbreitetste Prothese ?berhaupt, die Brille, bezeichnet Baudrillard hier eben alle Teile des K?rpers als Prothesen weil sie den K?rper nicht l?nger ausmachen.
Auch wenn Baudrillard sich hier eindeutig auf den K?rper bezieht, so l?sst sich doch auch f?r die Identit?t des Menschen hier einiges m?helos ableiten, besonders was die Einzigartigkeit angeht. In einer Welt, in der sich immer h?ufiger aufgrund standardisierter Regeln das Subjekt mit allen anderen vergleichen lassen muss, ist es notwendig sich abzugrenzen und zu individualisieren. Es stellt sich die Frage, wie sehr und in welchen Eigenschaften man anders sein muss, um nicht in eine Gruppe geworfen zu werden, der man nicht angeh?ren will. Individualismus hat sich so in allen Lebensbereichen etabliert und je mehr man es versteht, durch Andersartigkeit aufzufallen, desto deutlicher wird (gegen?ber anderen) die eigene Identit?t. Allerdings ist dieser Vorgang so dynamisch, dass es stetige Anpassungen geben muss und das Erhalten der eigenen Identit?t (oder Identit?ten) einer lebenslangen Herausforderung gleichkommt. Es stellt sich die Frage, ob der Mensch um nicht vollends an seiner Existenz zu verzweifeln, seine Einzigartigkeit entsagen muss, die ihm St?ck f?r St?ck genommen wird.
Dabei ist Klonen f?r Baudrillard eben der letzte Schritt zur Aufl?sung des K?rpers. Bezugnehmend auf Walter Benjamin, der eben die Wirkung von mechanischer Reproduzierbarkeit von Kunst f?r deren Bedeutung untersuchte, scheint auch dem K?rper eine gewissen Aura, eine ?sthetische Form oder Qualit?t verloren zu gehen. Die Authentizit?t geht verloren und das Original existiert nicht l?nger, weil es die unendliche Reproduzierbarkeit in sich tr?gt. Die Bedeutung des K?rpers ist allerh?chstens eine Ansammlung von (?nderbaren) Informationen. Und auch Identit?t ist nicht l?nger einzigartig. Sie wird ?designed? werden k?nnen durch Ver?nderung des genetischen Codes.
Hier finde ich, sollte man sich jedoch auch fragen, ob Identit?t ausschlie?lich auf der urspr?nglichen Veranlagung basiert oder ob es m?glich ist, im Laufe des Lebens seine Identit?t zu modifizieren. Dieser Gedanke basiert auf der Frage nach der Determinierung des Lebens. Sollten s?mtliche Erfahrungen eines Lebens durch die urspr?ngliche Konfiguration der Gene bestimmt werden ist eine quasi unvorhergesehene Entwicklung des Charakters wohl ausgeschlossen. Inwieweit also trifft dies zu? Doch selbst Baudrillard gibt in den Notizen zu diesem Kapitel zu, dass die M?glichkeit besteht, dass selbst beim Klonen eine Kopie niemals komplett identisch mit seinem Vorg?nger sein wird. Es stellt sich also die noch grundlegendere Frage, ob es ?berhaupt m?glich ist, das perfekte Duplikat (das ist ja die Idee, die diesen Ausf?hrungen zu Grunde liegt) tats?chlich zu erschaffen. Unz?hlige Einfl?sse k?nnte (bisweilen sehr minimale) Ver?nderungen von einer Generation zur n?chsten bewirken, ein Umstand der auch in zahlreichen Science-Fiction Geschichten (z.B. ?Do androids dream of electric sheep?) skizziert wird und zeigen soll, dass man bestimmte Naturgesetze trotz fortgeschrittener Technologie nicht umgehen kann.
Wenn also, und damit schlie?t Baudrillard, der K?rper sich selbst nicht mehr repr?sentiert beziehungsweise seine Bestandteile ersetzbar sind und das Bild dadurch nicht ver?ndern, dann ist das Bild im Grunde komplett verloren. Ein K?rper kann nicht mehr repr?sentiert werden, nicht mehr gegen?ber anderen aber auch nicht gegen?ber sich selbst. Er beschr?nkt sich auf die Informationen, seine Definition in der genetischen Formel und ist somit im Grunde aufgel?st.
(dasvirtuellebild) 3.2 Das virtuelle Bild
Ganz im Gegensatz dazu beschreibt Baudrillard die identische Abbildung des K?rpers, die perfekte Projektion der ?u?eren Erscheinung durch Hologramme. F?r ihn ist das Hologramm ?the perfect image and end of the imaginary?(Baudrillard 1994 [2], S. 73). Er geht sogar noch weiter und stellt fest, dass es sich ?berhaupt nicht mehr um ein Bild handele, da das eigentliche Medium ein Laser ist, nichts anderes als konzentriertes Licht, dass nicht reflektiert wird oder anderweitig sichtbar ist. Wie schon im Zusammenhang mit dem Klonen ist hier das Ebenbild, das Double, im Zentrum der Betrachtung. Es wird quasi vom Subjekt abgetrennt oder wie Baudrillard es formuliert, mit dem Laser(-skalpell) entfernt, wie man einen Tumor entfernen w?rde. Dabei ist das Hologramm als Bild eben so perfekt, dass man keinen Unterschied feststellen kann und damit verliert es das Bildhafte. Es ist keine schlichte Repr?sentation mehr, denn es gibt keinerlei (?u?ere) Unterschiede. Dieses Double befindet / befand sich immer im K?rper und wird so sichtbar gemacht. Dieser Vorgang ist es der das versteckte ans Tageslicht bef?rdert und aus dem (Unter-)Bewusstsein, aus dem virtuellen in die Realit?t bef?rdert und die Realit?t in eine Virtualit?t umwandelt, eine Simulation, die sich nicht mehr von Realit?t unterscheiden l?sst. Ich betone nochmals, dass sich hierbei ausschlie?lich auf das ?u?ere Erscheinungsbild des K?rpers bezogen wird, insofern ist die Kopie nicht so gut wie die, welche beim Klonen entsteht. Aber sie l?st ?hnlich wirkungsvoll die Grenzen auf, denn alles Wahrnehmbare wird ja letztendlich repr?sentiert.
Dieser flie?ende ?bergang wurde auch in der Science-Fiction h?ufig aufgegriffen, am offensichtlichsten wahrscheinlich durch die Einrichtung eines Holodecks in der TV-Serie ?Star Trek: The next Generation?. Hier werden komplette Umgebungen und Charaktere durch Holographie und Kraftfelder erzeugt, die Technologie dient sowohl der Freizeitgestaltung als auch der Ausbildung. Der ?bergang zwischen dieser virtuellen Welt und der Realit?t bleibt immer vage, so ist es beispielsweise nur durch sog. Sicherheitsprotokolle gew?hrleistet, dass Besucher des Holodecks nicht verletzt werden k?nnen. Werden diese deaktiviert, k?nnen virtuelle Kugeln reale Verletzungen verursachen. Ein holografischer Charakter kann das Deck nicht verlassen, er l?st sich auf sobald er dies versucht. In einer speziellen Folge wird unabsichtlich ein Charakter erschaffen, der sich seiner selbst bewusst ist (quasi die perfekte Simulation einer Person, im speziellen Fall handelt es sich um Professor Moriarty, den Gegenspieler von Sherlock Holmes) und sich daher auch seiner Beschr?nkung bewusst wird und diese zu ?berwinden versucht. Was bedeutet das f?r den Menschen, seine Identit?t und seinen K?rper, wenn es uns m?glich ist, all dies zu simulieren? Stellt sich nicht die Frage nach unserer eigenen Virtualit?t in der vermeintlichen Realit?t? Sind wir nicht selber eine (zu einem gewissen Grad) perfekte Simulation. Oder gar ein Simulacrum, also eine Simulation, zu der es gar kein reales Gegenst?ck mehr gibt? Genau das ist es, was Baudrillard aufzuzeigen versucht wobei ich hier betonen m?chte, dass er lediglich die Frage aufwirft ohne gro?e Anstrengungen zu unternehmen auch Antworten zu finden, au?er vielleicht der allumfassenden Feststellung, dass es Realit?t nicht mehr gibt.
Baudrillard f?hrt fort: ? [...] why would the simulacrum with three dimensions be closer to the real than the one with two dimensions? ? (Baudrillard 1994 [2], S. 73) Seiner Meinung nach geschieht eben genau das Gegenteil, es wird nicht realer sondern viel mehr virtueller durch die dritte Dimension. Es wird hyperreal, denn sein Argument ist, dass wenn ein Objekt exakt wie ein Zweites ist, dann ist es eben nicht mehr exakt wie dieses Objekt sondern schon etwas exakter. Und diese Hyperrealit?t ist schon wieder eine Simulation. Realer als die Realit?t und wahrer als die Wahrheit. Und daraus kann man wiederum die Zerst?rung / den Tod des Realen ableiten, den Verlust aller Bedeutung.
Das ist im Grunde die wahre Gefahr all dieser neuen Technologien: Die Bedeutungslosigkeit f?r die Realit?t und f?r das K?rperbild, die von der Reproduzierbarkeit eben dieser ausgeht. Das Vertrauen in die Verl?sslichkeit der Naturwissenschaft; ihr Vorgehen, dass im Grunde aus Dekonstruktion der Welt in ihre Einzelteile und Rekonstruktion eben dieser besteht, um sie zu verstehen. Dabei nimmt sie auch alles was den K?rper ausmacht sukzessive auseinander, l?st ihn auf in ein Nichts aus purer Information (den genetischen Code) und zerst?rt ihn w?hrend sie auf der anderen Seite versucht ihn wieder zu erschaffen aber nicht als Original, also ein schlichtes Duplikat der Realit?t, sondern als Vorlage f?r unendliche Reproduzierbarkeit, also ein hyperreales Gebilde, eine Simulation. Nicht umsonst muss jedes Experiment, das in der Naturwissenschaft einen beweisenden Charakter haben soll auch wiederholbar sein. Diese Simulation kann und wird laut Baudrillard zum Simulacrum werden, wenn seine Vorlage quasi bedeutungslos gemacht worden ist.
4. Technologie und Medien als Erweiterung des K?rpers
Basierend auf dieser Theorie ergeben sich viele weitere interessante Aspekte f?r den Umgang mit Technologie im Bezug auf das K?rperbild.
Es ist mehr oder weniger akzeptiert, dass der K?rper aus seiner Nat?rlichkeit herausgel?st wird um verbessert zu werden. Wenn Baudrillard von dem finalen Schritt, n?mlich der Beeinflussung der kleinsten Einheit im Organismus, der urspr?nglichen Wurzel, der Information, die im genetischen Code vorhanden ist, spricht, so gehen dieser Ver?nderung Jahrtausende von Praktiken voraus, die den K?rper ebenso beeinflusst haben.
Der K?rper wurde schon immer durch Werkzeuge erweitert, Baudrillard spricht nicht umsonst von Prothesen, wenn er sich auf Einzelteile des menschlichen K?rpers bezieht. K?rperteile, die ihre Funktion nicht mehr erf?llen werden ersetzt oder aber es werden den vorhandenen Teilen weitere Funktionen hinzugef?gt. Scharfe Klingen, Schusswaffen, Kleidung und so ziemlich alle weiteren Objekte, werden dem K?rper hinzugef?gt, um ihm Funktionen zu erm?glichen, die er allein auf sich gestellt nicht besitzen w?rde. So hat der menschliche K?rper immer schon eine Art Erweiterung durch Simulationen erfahren, umgeben von einer Virtualit?t von Eigenschaften, die ihm so nicht eigen sind.
Auch der ?bergang in die Hyperrealit?t ist nicht schlagartig durch das Klonen hervorgerufen worden. S?mtliche Massenmedien (angefangen mit dem Buchdruck) haben schon seit einigen hundert Jahren den K?rper mehr und mehr bedeutungslos gemacht. Tats?chlich wird der K?rper in seiner Stofflichkeit und Tr?gheit mehr und mehr zur Behinderung. Der Mensch kann durch Massenmedien (ganz besonders durch moderne Medien wie das Internet) s?mtliche r?umlichen und zeitlichen Schluchten ?berbr?cken, er kann in Sekunden Informationen aus allen Winkeln des Universums erfassen w?hrend er jedoch seinen K?rper, der abh?ngig ist von Zeit und Raum, zur?cklassen muss. Der Mensch wird immer mehr heimisch in der virtuellen Welt, einer Welt mit anderen Regeln, denen sich der Geist anzupassen oder zu unterwerfen vermag. Der K?rper jedoch kann diese Grenze so nicht ?berwinden und bleibt zur?ck, wird gar ersetzt durch neue individualisierte Formen der Repr?sentation. Denn das nimmt der Mensch mit aus der Realit?t, die Abh?ngigkeit von der eigenen Repr?sentation, etwas ?Wahrnehmbares? zu sein im realen wie auch im virtuellen Raum. Doch die Repr?sentation ist ver?nderbar (im virtuellen wie im realen), sie kann angepasst werden entweder durch entwerfen eines Avatars oder durch Ver?nderungen am realen K?rper (Sch?nheitschirurgie, Kosmetik, Kleidung, Schmuck etc.). Wir n?hern uns der Aufl?sung des K?rpers also -m?glicherweise unbewusst- schon seit langem an und das Klonen und damit die ultimative Bedeutungslosigkeit des K?rpers -die Repr?sentation, von der wir nach wie vor abh?ngig sind- ist das Ziel, in das diese Entwicklung laut Baudrillard m?ndet. Nur wird dieser finale Schritt eben nicht den K?rper vom Geist trennen sondern eben beides der Bedeutungslosigkeit ausliefern, wie auch schon heute in Ans?tzen die eigene Existenz immer mehr der Bedeutungslosigkeit ausgeliefert wird, in dem Teile des K?rpers oder eben der ganze K?rper f?r bestimmte soziale Praktiken bedeutungslos werden. Die Frage ist, ob es den Menschen gelingen wird, diese Abh?ngigkeit des Geistes vom K?rper zu ?berwinden oder ob es eine R?ckbesinnung auf die Bedeutung des K?rpers (wie sie ebenfalls schon zu beobachten ist) und eine Anpassung der Vermittler, der Medien, geben wird.
Baudrillard hingegen hat einen komplett gegens?tzlichen Medienbegriff. Er geht von einer ?Totalisierung technischer Medien aus? (Lagaay/Lauer 2004 [1], S.142). Sie sind f?r ihn nicht l?nger Erweiterungen des K?rpers, Vermittler oder Prothesen ?sondern sind allgemeiner Code: das Modell menschlichen Zusammenlebens?( Lagaay/Lauer 2004 [1], S.142-143). Sie sind daf?r verantwortlich, dass f?r uns die simulierte Realit?t an die Stelle der Realit?t tritt. Baudrillard selbst sagt: ?Ich gehe von der Hypothese aus, dass die Welt eine vollkommene Illusion ist? (Lagaay/Lauer 2004 [1] S.143) Die Medien stellen die Welt f?r uns nicht mehr nur dar, sie sind ?Wirklichkeitsspender? (Lagaay/Lauer 2004 [1] S.142), sie stellen die Welt her, die wir wahrnehmen. So ist in der modernen Gesellschaft der Fernseher nicht nur Medium im klassischen Sinn sondern auch ein neuer Zeitgeber. Menschen richten sich ihren Tagesablauf nach dem Fernsehprogramm ein, gegessen wird zwischen den beiden Lieblingssendungen, der Abend beginnt mit der ?Tagesschau? und am Samstag stehen die Kinder in aller Fr?he auf die ersten Zeichentrickserien nicht zu verpassen. Wir nehmen Zeit gefiltert wahr anhand von uns zugeteilten Knotenpunkten, die uns das Fernsehen anbietet, die wir aber auch bereitwillig akzeptieren.
Baudrillard ver?ndert den Begriff des Mediums, des Vermittelnden also in etwas, das selbst produziert und hervorbringt. Und dabei auch den Dialog aufl?st. Medien senden, wir empfangen. Wir k?nnen nicht zum Original zur?ckkehren und hinter die Medien treten. Technische Apparaturen schalten sich also dem K?rper vor, der K?rper wird (unfreiwillig) erweitert. Die Darstellung im Film ?Matrix? d?rfte der Idee Baudrillards sehr nahe gekommen sein, wenn die Menschen dort, eingefasst in Gef??e, die sie nicht wahrnehmen, durch technische Zug?nge nicht nur mit Nahrung sondern auch mit der k?nstlichen Welt versorgt werden, ohne die M?glichkeit zu haben diesen Apparaten zu entfliehen geschweige denn sie ?berhaupt wahrzunehmen. Genau das ist das K?rperbild, dass wir durch Baudrillards Thesen konstruieren k?nnen: Wenn alles, was wir wahrnehmen virtuell induziert ist, die Realit?t, die wir wahrnehmen, nicht l?nger real sein muss, dann muss es auch der eigene K?rper nicht mehr sein. Auch ihn k?nnen wir selbst nur von au?en wahrnehmen, wir k?nnen nur durch unsere (?u?erlich angebrachten) Augen, nicht aber nach oder von innen sehen. Es ist daher plausibel, dass der K?rper austauschbar wird, dass er ein weiteres Instrument wird, das wir anpassen k?nnen ?hnlich der ?mentalen Projektion des digitalen Selbst? wie er in ?Matrix? vorgef?hrt wird. Denn das was den Menschen ausmacht, kann nur etwas sein, dass real und keiner Projektion entsprungen ist, etwas, das nicht durch ?u?ere Medien ver?ndert werden kann.
Schon Ren? Descartes hatte durch sein methodisches Zweifeln sein Selbst auf eine simple These, ein minimal Existierendes reduziert: ?Ich denke also bin ich.? Dieser Denkende ist es, der auch jetzt wieder im Zentrum eines Selbstbildes steht, wenn alles andere m?glicherweise keine Realit?t mehr ist und wir an seiner Richtigkeit zweifeln m?ssen (und laut Baudrillard ist es zwingend, dass die Realit?t nicht mehr als real angesehen werden kann).
Die allgemeine Missachtung des eigenen und anderer K?rper, der Missbrauch dieses Instruments, das dem Menschen fremd zu werden scheint und ?berlagert wird durch technische Prothesen, die der K?rper zusammen mit der Simulation vollends zu assimilieren beginnt, aber auch das performative Zur-Schau-Stellen des K?rpers als eine Art Aush?ngeschild dessen, was wirklich real ist (oder was wir daf?r halten), das Schm?cken, Anpassen oder Beschneiden des K?rpers, das Kreieren eines Selbstbildnisses nach unseren Vorstellungen auch als Schutz gegen die von au?erhalb angreifende simulierte Realit?t, dies sind allesamt Auswirkungen der Entfremdung des Menschen von seinem K?rper. Alle diese Praktiken haben sich unterschiedlich in der Gesellschaft etabliert und dr?cken doch alle dieselbe Unsicherheit gegen?ber der Welt aus.
Zugegebenerma?en beschr?nkt sich Baudrillards Darstellung und damit auch dieses K?rperbild allenfalls auf die industrialisierten und mediendurchsetzten westlichen Staaten Europas, auf die USA etc. und l?sst sich nicht auf die so genannte dritte Welt, Asien oder Afrika anwenden.
Dies wiederum l?sst fragen, ob diese Bev?lkerungen in einer radikal anderen Welt leben und ob wir mit ihrer Hilfe unsere Realit?t, denn die jetzige Realit?t ist ja laut Baudrillard nicht mehr real, wieder finden k?nnten. Diese Frage wird so nicht gestellt und auch nicht beantwortet, aber sie scheint mir durchaus nahe liegend auch wenn ich an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen kann.
In vielerlei Hinsicht verkommt der Mensch in Baudrillards simulierter Welt zu einer Art Hologramm, einer perfekten Abbildung von sich selbst, die nicht wei?, dass sie nur k?nstlich ist und darum ihre Beschr?nkung nicht zu durchbrechen vermag. Die Art wie wir uns wahrnehmen wird willk?rlich, die Frage was Besonderes an unserer ?u?erlichkeit ist wird unbedeutend, weil ?u?erlichkeit selbst unbedeutend und mehrdeutig wird. Sie ist austauschbar. Diese m?gliche Abgrenzung des Menschen von seiner Repr?sentation f?hrt aber auch zu einer Entfremdung von seiner Umgebung und nicht zuletzt zu anderen K?rpern seiner Art. Sie k?nnte Anzeichen einer fortschreitenden Isolierung des Einzelnen sein, eine Entwicklung, die heute noch als Individualismus bezeichnet wird aber letztendlich vielmehr als Vereinsamung inmitten der Menschenmenge gesehen werden sollte.
Der K?rper hat also dauerhafte Prothesen bekommen, mediale und technische, die scheinbar in seinen F?higkeiten erweitern gleichzeitig aber auch die Gefahr der Entfremdung mit sich bringen. Alles dies verschmilzt aber bei Baudrillard und verliert an Bedeutung, denn es ist nur ein weiterer Aspekt der Simulation, deren Bestandteil zu werden uns droht (wenn wir es nicht schon l?ngst sind).
(koerperueberfluss) 5. K?rper im ?berfluss
Ein weiterer Aspekt, dem Baudrillard einen Teil seiner Aufmerksamkeit schenkt, ist der Gedanke des ?berz?hligen K?rpers. In seinem Aufsatz ?Die magers?chtigen Ruinen? etabliert Baudrillard die Idee einer ?Verstopfung der Systeme? und ihrer ?Regellosigkeit durch ?berentwicklung?. Eine zentrale Aussage formuliert er am ehesten so: ?Es werden so viele Dinge hergestellt und angeh?uft, dass sie einfach niemals mehr die Zeit finden werden, irgendjemandem n?tzlich zu sein [..]? (Baudrillard 1991 [3] S.81) Dies versetzt uns laut Baudrillard in einen Zustand der ?bers?ttigung und daraus resultierender Unbeweglichkeit. Dieser Gedanke kann ohne Probleme auch auf den K?rper angewendet werden. Kurz gesagt befinden wir uns in der Situation, dass es auf diesem Planeten derzeit mehr als sechs Milliarden von K?rpern gibt mit steigender Tendenz. Es scheint offensichtlich, dass damit der einzelne K?rper respektive Mensch an Bedeutung verliert, ja verlieren muss. Der Einzelne scheint immer mehr eingeengt.
Gerade in den Industrienationen kann man zudem Folgendes beobachten: ?Dieses S?ttigungs- und Unbeweglichkeitsprinzip macht sich in der Ver?dung der Zeit, des K?rpers, des Landes bemerkbar. [..] Dieser K?rper, unser K?rper scheint nur noch entbehrlich, im Grunde unn?tz in seinem Umfang, in der Vielheitlichkeit und der Komplexit?t seiner Organe, seiner Stofflichkeit, seiner Funktionen, da sich heute alles im Hirn und in der genetischen Formel konzentriert? (Baudrillard 1991 [3] S.82) Diesen Standpunkt von Baudrillard kennen wir schon aus der Kritik des Klonens, aber er wird hier sehr viel deutlicher formuliert. Der K?rper ist ?berfl?ssig. Nicht nur, dass es davon zu viele gibt, sie werden in ihrer Form als Werkzeug kaum noch ben?tigt und schr?nken uns in ihrer Eigenschaft als H?lle unn?tig ein. Dies scheint plausibel schon wenn man das Problem der Arbeitslosigkeit, auf das auch Baudrillard verweist, betrachtet: Berufe, in denen k?rperlicher Einsatz gefragt ist, werden immer seltener. Maschinen und Roboter ?bernehmen diese anstrengenden Arbeiten, was bedeutet, dass die Menschen, die im Grunde entlastet werden sollen letztendlich vollkommen ?berfl?ssig werden. Die Zukunft liegt in Berufen in denen ausschlie?lich oder zumindest ein hoher Anteil der Leistung im Kopf erbracht wird. Es muss verwaltet werden, wir ben?tigen Ideen, Pl?ne, Informationen m?ssen aufbereitet, verbreitet, gestaltet werden, aber wenn es um praktische Umsetzungen geht, um stupide und bisweilen k?rperliche Aufgaben, so finden wir immer h?ufiger Maschinen anstelle von menschlichen K?rpern vor. Der Maschinencharakter des K?rpers verschwindet allm?hlich aus unserem K?rperbild, wird ersetzt durch richtige Maschinen, die teilweise sogar nach dem Vorbild des menschlichen K?rpers erschaffen werden.
Ein anderer Aspekt, den ich nochmals aufgreifen will, ist der K?rper als Interface mit der Umwelt. Tats?chlich m?ssen alle modernen Entwicklungen im technischen Bereich an den menschlichen K?rper angepasst werden. Computer, die wohl nichts anderes sind als Zugangsports zu Information beziehungsweise zum Informationsnetz, dass immer mehr diesen Planeten ?berzieht, ben?tigen Eingabeger?te wie Tastatur, Maus und Ausgabeger?te wie den Monitor oder Drucker um von Menschen wiederum ?ber das Interface K?rper benutzt werden zu k?nnen. Diese Ger?te sind an die ?Stofflichkeit? angepasst, mit ihnen umzugehen verlangt bisweilen etwas ?bung. Es w?re sicherlich viel effektiver den Informationsfluss ohne st?ndiges Maskieren von der Quelle zum Empf?nger senden zu k?nnen, wenn es einen Weg g?be, direkt in das Gehirn vorzudringen, wo die Informationen letztendlich landen sollen. In dem Film ?Matrix? sehen wir die Konsequenz, w?rde uns dies gelingen: Durch den Datenanschluss im Hinterkopf der Personen, kann der komplette K?rpermechanismus umgangen werden, der K?rper wird im Grunde nutzlos, verkommt zur blo?en H?lle, die nicht einmal mehr wahrgenommen wird.
Sind wir auf dem Weg dies zu verwirklichen? Es gibt Entwicklungen wie kleine Laserbrillen, die Bilder direkt in das Auge projizieren, m?glicherweise kann es auch Bildschirme in Kontaktlinsen geben. Es gibt Forschung, die sich mit den Hirnstr?men besch?ftigt und es m?glicherweise eines Tages schafft, die wichtigen Teile des Gehirns zu lokalisieren und durch das Messen der Str?me in diesen Teilen herauszufinden, was das Subjekt denkt. Man kann bereits Insekten durch Eingriffe in das Nervensystem mit Hilfe von Fernbedienungen steuern. Vielleicht wird es auch m?glich sein, Ger?te per Gedanken zu kontrollieren. Schon heute sehen wir, wie tr?ge der Mensch wird, sobald der Fernseher mit einer Fernbedienung ausger?stet ist. Kann der K?rper noch mehr an Bedeutung verlieren, wenn k?nftig ein einfacher Gedanke ans Umschalten gen?gt? Diesen Aspekt vertieft Baudrillard nicht, aber es scheint doch ?u?erst plausibel, dass der K?rper in seinen angestammten Aufgaben immer mehr abgel?st wird.
(fazit) 6. Kritik, Fazit und Ausblick
All diese Ideen und Theorien klingen zugegebenerweise stellenweise stark nach Science-Fiction. Allerdings sind es hochinteressante Gedankenexperimente, so dass man sich dieser Gefahr wohl oder ?bel zun?chst aussetzen muss. Baudrillard ist Soziologe und kein Naturwissenschaftler und demnach sind seine Ideen immer dann mit Vorsicht zu genie?en wenn er naturwissenschaftliche Begriffe benutzt, da seine Definitionen mithin stark von der unter Naturwissenschaftlern ?blichen Erkl?rung abweichen. Dieses Vorgehen wird ihm sehr h?ufig von naturwissenschaftlicher Seite vorgeworfen. Wenn es also um technische Fragen, wie im Falle des Klonens geht, um seine Vorstellungen zur Verwendung von DNS oder seine Definition von K?rperprothesen, dann muss man sich vor Augen f?hren, dass es sich nicht zwingend um naturwissenschaftliche Fakten handelt. Im Falle des Klonens ist das sehr deutlich: Naturwissenschaftler haben die Theorie, dass es niemals m?glich sein wird eine perfekte Kopie anhand von DNS anzufertigen, denn es gehen immer Informationen verloren oder es gibt Einfl?sse, die man nicht unter Kontrolle hat. Selbst wenn man allerdings einen Menschen anhand seines genetische Materials dupliziert, k?nnen Einfl?sse im Leben immer noch zu anderen Ergebnissen bei der Entwicklung dieses Menschen f?hren und es ist unwahrscheinlich das ein Duplikat entsteht wie es Baudrillard sich offenbar vorstellt. Damit sind die ?u?erungen ?ber die Gefahr der Verletzung der Einzigartigkeit doch deutlich zu relativieren.
Ebenso fragw?rdig erscheinen auch Baudrillards Ausf?hrungen bez?glich der Virtualit?t unserer Realit?t. Nach seiner Theorie d?rften weniger technisierte und medialisierte V?lker der simulierten Wirklichkeit kaum oder gar nicht ausgesetzt sein. Es scheint mir dann aber fraglich, wo die Schnittstelle liegt, die unsere simulierte Wirklichkeit mit der noch real vorhandenen Wirklichkeit verbindet. Das es so eine Schnittstelle geben muss scheint mir zwingend, wenn es doch unterschiedliche Realit?ten gibt. Tats?chlich sagt Baudrillards Theorie aber aus, dass genau solch eine Verbindung nicht mehr gegeben ist, das die Simulation jeglicher Referenz entsagt hat. Da Baudrillard selbst dieses Dilemma scheinbar nicht sieht, ist es auch mir an dieser Stelle nicht m?glich, daf?r Erkl?rungen anzubieten, weshalb dieser Gegensatz zun?chst offen bleibt.
Im vorhergehenden Abschnitt habe ich festgestellt, dass der K?rper in Zukunft aus seinem urspr?nglichen ?Revier?, seinem angestammten Aufgabenbereich vertrieben wird. W?hrend Baudrillard dazu einfach die Nutzlosigkeit des K?rpers konstatiert, glaube ich, dass es vielmehr eine Verschiebung geben wird. Der K?rper kann und darf nicht l?nger als Maschine betrachtet werden. Vielleicht wird es mehr und mehr um seine repr?sentative Wirkung gehen. Schon heute verwenden Menschen viel Zeit und Geld darauf, ihren K?rper als ihr Aush?ngeschild zu gestalten. Sch?nheitschirurgie ist dabei quasi die ultimative Schwelle zum Wunschk?rper. Das Motto lautet ?Pimp my body? und ganze Industriezweige entwerfen Pillen, Cremes, Seifen etc. um diese M?glichkeit allen Menschen (m?glichst unabh?ngig von sozialen Gruppen und finanziellen M?glichkeiten) darzubieten, es geh?rt scheinbar schon zum menschlichen Grundbed?rfnis. Der K?rper wird genutzt als Werbefl?che f?r sich selbst. Mode und K?rperschmuck vom Ohrring bis hin zu Piercing und Branding haben zwar eine hohe Fluktuation was ihre Beliebtheit angeht, gewinnen aber insgesamt alle an Bedeutung quer durch alle Altersklassen, sozialen Schichten und neuerdings auch in einer Angleichung des Verhaltens der Geschlechter (Stichwort: Metrosexualit?t).
Auf der anderen Seite gibt es Bewegungen, die sich wieder der Natur zuwenden, der Nat?rlichkeit des K?rpers mehr Bedeutung beimessen. Sie berufen sich auf das nat?rliche Verh?ltnis des Menschen zu seiner Umgebung, das lange vor institutionalisierten K?rperpraktiken schon existiert hat. Man achtet auf die Stimme des K?rpers, auf subtile Zeichen, die einem mitteilen, welche Fehler man im Umgang mit dem eigenen Selbst begangen hat. ?Achte auf deinen K?rper!?, ist eben auch ein Motto, das immer mehr Anh?nger findet und eine st?rkere Verkn?pfung zur eigenen Identit?t propagiert. Dieser speziellen Art von Retrospektive misst Baudrillard keine besondere Bedeutung bei.
M?glicherweise befinden wir uns in einer Phase der erneuten grundlegenden ?nderung des K?rperbildes, einer Phase des Umbruchs, deren Ziel noch nicht abzusehen ist. Baudrillard gibt Hinweise und einige Ideen f?r diesen Umbruch zu Protokoll und auch wenn die Ideen Ansto? zu Gedankenexperimenten geben, so sind sie doch auch gepr?gt von einem gewissen Pessimismus, den ich so nicht nachvollziehbar finde. Wenn man die Vergangenheit betrachtet, so scheint mir die Ver?nderung des K?rperbildes bislang immer mit verbesserten Lebensbedingungen einhergegangen zu sein. Letztendlich h?ngt es nat?rlich von vielen Kriterien ab, wie der Mensch sich seine Umwelt gestaltet und welchen Platz er dann noch in ihr findet. Vielleicht ist es wirklich ein Eigenheit des Menschen, sich selbst mehr und mehr ?berfl?ssig zu machen und sich in seiner eigenen Definition anzugreifen. Dagegen m?ssen wir vorgehen und darauf sollten wir auch ein Augenmerk legen. M?glicherweise hat das jedoch auch gar keine Bedeutung.
Man kann also zusammenfassend feststellen, dass unser Konzept von K?rper sich in einem Umbruch befindet, dessen verschiedene Aspekte sich durch Baudrillards Theorien erkl?ren oder zumindest analysieren lassen. Viele derzeit ?bliche K?rperpraktiken lassen sich in den Kontext der Medien- und Informationsgesellschaft einbetten w?hrend andere Praktiken eher wie eine Gegenbewegung zur allgemeinen Bedeutungslosigkeit des K?rpers erscheinen. Baudrillard w?rde diesen Gegensatz selbst wohl wieder als Simulation, artifiziell, hyperreal und damit bedeutungslos auffassen. Dem will ich mich nicht anschlie?en, denn es scheint mir zum jetzigen Zeitpunkt sinnlos diese Entwicklung einer Bewertung zu unterziehen.
Wenn Baudrillard feststellt, dass die ?Zeit des Heldenhaften vor?ber ist? und ?einer Zeit des Ausgleichs?(Baudrillard 1991 [3] 90) Platz gemacht hat, dann verstehe ich das durchaus ohne den negativen Unterton, der diesen Aussagen angekn?pft ist. Auch wenn tats?chlich der ?Idealismus der Werbung? und der erzwungene Positivismus immer mehr um sich greifen, sollte uns das nicht daran hindern wieder einen eigenen Optimismus jenseits der simulierten Medienrealit?t zu entdecken und ich glaube, trotz des Insistierens Baudrillards auf einer unumgehbaren Barriere, die uns dauerhaft daran hindert, dass auch dies m?glich ist. Ein letzter Satz von Baudrillard scheint mir (leider aus seinem Kontext herausgel?st) diesen Gedanken am besten einzufangen: ?Wir leben in einer genialen Epoche, von der niemand wei?, was sich vielleicht in ihr noch wird ereignen k?nnen.? (Baudrillard 1991 [3] 93)
(literatur) Literaturverzeichnis
[1] Windg?tter, Christof: Jean Baudrillard ?Wie nicht simulieren oder: Gibt es ein Jenseits der Medien?? in: Alice Lagaay, David Lauer (Hg.) ?Medientheorien ? Eine philosophische Einf?hrung?, 2004
[2] Baudrillard, Jean : Simulacra and Simulation, University of Michigan Press, 1994
[3] Baudrillard, Jean: ?Die magers?chtigen Ruinen? in: Dietmar Kamper und Christoph Wulf ?R?ckblick auf das Ende der Welt, Boer Verlag M?nchen, 1991
PDF-Ausgabe, Boer Verlag M?nchen, 2002, http://www.boerverlag.de/KAMPER.HTM
(downloads) Downloads
| Datei | Zuletzt geändert am | Größe |
|---|---|---|
| Simulation_des_Körpers.pdf | 2007-10-23 14:09 | 177Kb |
? JHE 2005
CategoryMyWords | CategoryStudium | CategoryAuthoring