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Pl?tschern...
Immer dieses Pl?tschern... Das hatte er schon anfang der Woche geha?t... Jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit mu?te er diese Br?cke ?berqueren, was eigentlich nicht weiter schlimm w?re, wenn eine Stra?e darunter verlaufen w?rde. Oder auch eine Autobahn. Oder eine Bahnstrecke. Aber nein, nichts als Wasser. Und dieses Pl?tschern...
Dummerweise war das nunmal der k?rzeste Fussweg in die Firma. "F?r die kurze Strecke das Auto anzulassen lohnte nicht", hatte seine Frau ihm Dutzende Male gesagt und tats?chlich, am Montagmorgen war das Auto wohl auf den gleichen Gedanken gekommen und nicht angesprungen. Nur darum hatte er an diesem Morgen zu Fu? in die Firma laufen m?ssen. Und am Morgen darauf, und am Morgen darauf. Und genau deshalb mu?te er jetzt nat?rlich auch wieder zu Fu? nach Hause weil er einige Unterlagen dort vergessen hatte. Dieses vermalledeite Pl?tschern raubte ihm wirklich noch den letzten Nerv...
...
Immer wenn er ?ber diese Br?cke ging, wurde ihm irgendwie ganz warm ums Herz. Und dieses leise Pl?tschern. Egal was ihm zuvor passiert war, ob es im Job schlecht lief oder wenn es ?rger zuhause gegeben hatte, irgendwie war das alles unwichtig in diesem einen Moment. Deswegen ging er so gern hier entlang. Eigentlich war es ja fast ein Umweg, denn ?ber die Wilhelmsbr?cke w?re er ein paar Minuten eher zu Hause. Aber weil die Hauptstra?e ?ber diese Br?cke f?hrt, k?nnte er da niemals das Pl?tschern h?ren. Und das war ihm den Umweg wert. Denn so begann jeder Arbeitstag schonmal positiv und entspannt. Er konnte sich nicht auch nur im Ansatz vorstellen, warum jemand morgens lieber mit dem Auto ins B?ro raste und wissentlich dieses tolle Erlebnis umging.
...
Nicht nur, dass es zu Fu? viel l?nger dauerte. Nein, als ob das nicht ausreichte, mu?te er nat?rlich ausgerechnet heute noch verschlafen. Als h?tte er es nicht eh schon eilig genug. Und in der Eile hatte er dann die Akte auf dem Schreibtisch vergessen. Nat?rlich nicht irgendeine m?glicherweise vernachl?ssigbare Akte sondern genau die Akte, die er bis heute Abend ?berarbeitet bei seinem Chef einreichen mu?te. Welche auch sonst? Und so mu?te er also in seiner Mittagspause schnell nach Hause. Um diese Akte zu holen. Damit fiel nat?rlich das Essen aus. Mal wieder. In letzter Zeit kam da ja fast immer etwas dazwischen. Erst letzte Woche hatte man die Kantine wegen Umbau geschlossen und die Mitarbeiter waren aufgefordert wurden, sich doch ihre Mahlzeiten ?bergangsweise von zu Hause mitzubringen. Zum Gl?ck wurde wenigstens der Automat mit den Schokoriegeln immer gut best?ckt...
Erst jetzt bemerkte er am anderen Ende der Br?cke eine Person, die in seine Richtung lief. Auch das noch...
...
Nat?rlich war der Fu?marsch etwas langwieriger. Aber das machte ihm nichts aus, er plante es einfach ein, ging in der Fr?h etwas eher los und brauchte abends ein paar Minuten l?nger. Freilich wenn er es eilig h?tte, dann w?re es sicherlich st?rend den Weg zu Fuss gehen zu m?ssen. Aber zum Gl?ck war er ja fast nie in Eile. Alles eine Frage der Planung. Darum hatte er auch eine l?ngere Mittagspause einlegen und gem?tlich zu seinem Lieblingsitaliener unten an der Ecke spazieren k?nnen. Jetzt war er satt und ging zufrieden zur?ck zur Arbeit. Das Essen bei Gino war tausendmal besser als der Fra? in der Kantine. Und letzte Woche hatte er sogar mal das griechische Spezialit?tenrestaurant mit ein paar Kollegen ausprobiert, die sonst immer in die Kantine gegangen waren. Aber dort war ja gebaut worden.
Warum soll man da noch sein eigenes Essen mitbringen?
Viele Leute waren um diese Zeit hier nie unterwegs... und doch bemerkte er da doch jemanden, der offensichtlich auf ihn zu kam.
...
Nun schau dir das an. Er ist es tats?chlich. Der hatte gerade noch gefehlt. Seit Jahren hatte dieses Gesicht nicht mehr gesehen und er hatte das auch nicht im Geringsten vermisst. Er kannte diesen Mann, der da auf ihn zukam von seiner Schulzeit her. Lange hatte er gebraucht um diese Zeit zu verarbeiten. Damals war er st?ndig das Ziel von Idioten gewesen, die meinten sich vor allen anderen profilieren zu m?ssen. Und das war immer einfacher mit einem Ziel, das sich nicht zur Wehr setzte. Genau solch ein Ziel hatte er wohl f?r den da dargestellt. Er wurde verpr?gelt. Immer und immer wieder. Aber das war nicht mal das schlimmste. Schlimmer war das Gef?hl regelm??ig vorgef?hrt zu werden. ...Die seelische Gewalt... Damals hatte er nichts dagegen unternehmen k?nnen. Und er hatte auch niemals erfahren, warum er es getan hatte. Das ging einige Monate so, bis seine Eltern darauf aufmerksam wurden, dass ihr Sohn sich zur?ckzog. Dann hatte er alles gebeichtet. Daraufhin mu?te er noch lange Zeit mit Psychologen reden, die ihm sagten, warum das m?glicherweise passiert ist. Das er sich in die Opferrolle hatte bringen lassen und sich daran gewohnt hatte. Ziemlicher Schwachsinn. Aber er, der ?belt?ter, er hatte nie gesagt warum er ausgerechnet ihn gequ?lt hatte. Keine Silbe. Und dann wechselte er die Schule, besser war es wohl auch gewesen. So konnte er das alles verarbeiten und auch vergessen. Ein neuer Anfang...
...
Irgendwie kamm ihm dieses Gesicht bekannt vor. Aber woher... M?glicherweise aus der Schule fr?her? Damals war er eine zeit lang ziemlich gewaltt?tig gewesen. Seine Eltern hatten sich getrennt. Schon vorher hatte er nie viel Aufmerksamkeit bekommen. Doch mit der Scheidung waren die beiden nur noch mit sich besch?ftigt. Und so suchte er sich seine Bewunderung und Aufmerksamkeit auf dem Schulhof. Indem er andere Jungs verm?belt hatte. Da war doch dieser eine... ja, ein Junge, der sich niemals verteidigt hatte. Das hatte ihn damals erst recht w?tend gemacht, so dass er diesem Jungen immer wieder aufgelauert hatte. Oh Gott, ja ... genau das war der Junge gewesen. Dieser Mann dort war damals sein bevorzugtes Opfer. Er hatte danach nie ein Wort mit ihm gewechselt. Aber er konnte sich noch ganz gut erinnern: Eines Tages mu?te er mit seinen beiden Eltern (und es war ein Wunder, dass sie tats?chlich beide erschienen waren) in der Schule auftauchen und sie erz?hlten ihnen, was ihr Sohn angestellt hatte. Kurz darauf mu?te er auf eine andere Schule gehen. Daraufhin war das Verh?ltnis zu seinen Eltern noch viel schlechter, vor allem zu seinem Vater. Der hatte dann auch die Idee mit dem Internat.
Das hatte ihn dann f?r sein ganzes Leben gepr?gt...
...
Beide gehen aufeinander zu, aber ihre Blicke treffen sich nicht.
"Was soll ich nur sagen. Soll ich ?berhaupt was sagen."
"Ich k?nnte einfach so tun als h?tte ich ihn nicht erkannt."
"Vielleicht will ich gar nicht mit ihm reden. Oder doch?"
"Vielleicht will er gar nicht mit mir reden. Oder doch?"
"Ich k?nnte ihn einfach gr??en und sehen wie er reagiert"
"Wie er wohl reagiert, wenn ich ihn einfach kurz gr??e?"
"Ach nein, ich schaue ihn einfach an, damit er wei?, dass er am Zug ist..."
"Vielleicht schaue ich ihn einfach an, er wird schon was sagen, wenn er mit mir reden will..."
"Ja, so mach' ich's."
"Ja, so mach' ich's."
"..."
"..."
Beide gehen wortlos aneinander vor?ber. Sie sehen sich in die Augen.
"Was nun?"
"Was nun?"
Als sie aneinander vorbei gegangen sind, ohne dass der jeweils andere reagiert hat, blicken beide wieder ihrem Ziel entgegen, keiner dreht sich um.
...
"Puh, scheint mich nicht erkannt zu haben..."
"Puh, scheint mich nicht erkannt zu haben..."
Wenn er jetzt so richtig dar?ber nachdachte, dann war das wirklich ein Gl?cksfall f?r ihn gewesen. Kurz nach diesen Zwischenf?llen kam ein neues M?dchen in die Klasse. Schon am ersten Tag als sie den Raum betrat hatte er dieses eigenartige Gef?hl in der Magengegend. Sie hatte lange dunkle Haare und blaue Augen. Zu dem Zeitpunkt wu?te er es nat?rlich noch nicht aber r?ckblickend hatte er es vom ersten Moment an gef?hlt. Das ist SIE!
Trotzdem war er immer noch derselbe sch?chterne Junge und obwohl sie direkt vor ihm sa? dauerte es zwei Wochen bis er sie endlich ansprach. Dann dauerte es weitere drei Monate bis sie sich zum ersten Mal verabredeten. Er hatte es zeitlebens nicht besonders eilig gehabt, war immer ein bi?chen sp?t dran, im ?bertragenden Sinne.
Die gesamte Sommerferien verbrachten sie zusammen und dann, im n?chsten Schuljahr sa?en sie zusammen am selben Tisch. Nach der Schule gingen sie beide zusammen zur Uni, nahmen sich eine Wohnung und eines verregneten Herbsttages versprachen sie sich gegenseitig ewige Treue nachdem sie sich wegen str?mendem Regens in eine kleine Abtei gerettet hatten. Zwei Jahre sp?ter taten sie das nochmal am exakt selben Ort allerdings trug er dabei einen Anzug und sie ein wei?es Kleid...
Es war perfekt...
Bald fand er einen Job bei dieser Versicherung und kurz darauf kam Luca zur Welt, seine erste Tochter. Er hatte endlich eine Familie. Seine eigene Familie...
Und da war er nun. Mitte 30 und auf dem Weg nach Hause. Sein Zuhause.
...
Ja, das war damals echt ein tiefer Einschnitt gewesen. Und er hatte es auch nicht lange im Internat ausgehalten. Nach knapp einem Monat entschloss er sich die Flucht nach vorn anzutreten und ri? aus. Mit einem alten Seesack wanderte er durch die Lande und lebte auf der Stra?e. Er hatte in diesen Jahren wohl jede Bahnhofsmission, jede Ausn?chterungszelle und auch sonst jede dreckige Ecke des Landes kennengelernt.
Als er davon die Schnauze voll hatte nahm er seine sieben Sachen und heuerte als Matrose auf einem Frachter an. Dann schipperte er zwei Jahre quer ?ber den Erdball. In Amerika verliebte er sich dann in ein M?dchen, das war in Miami.
Ihr Name war Clara. Leider hatten Clara's Eltern wohl etwas gegen Ausl?nder, besonders gegen arme Ausl?nder die auf Schiffen von weit her kamen um ihren Kindern die K?pfe zu verdrehen. Deshalb machten ihm der Patriarch der Familie nebst Verst?rkung auf althergebrachte amerikanische Art (sie lauerten ihm im Dunkeln mit allerlei Handfeuerwaffen auf) klar, dass er doch m?glichst schnell wieder sein Gl?ck auf See suchen sollte. Was er dann schweren Herzens auch tat.
Wieder zur?ck in Deutschland hatte er dann eine Offenbarung, eine Eingebung aus heiterem Himmel die ihn f?rmlich wie ein Schlag traf...
Als er dann aber einige Tage sp?ter im Krankenhaus erwachte, erfuhr er, dass er von einem Auto angefahren wurde und der Fahrer gefl?chtet war. Zur?ckbehielt er eine Beinverletzung, die es ihm unm?glich machte, weiter als Matrose zu arbeiten. In exakt diesem Krankenhaus fand er dann auch eine Stelle als Reinigungskraft. ?bergangsweise.
...
Ja, er hatte eigentlich alles, was er sich je gew?nscht hatte, erreicht. Und er hatte allen Grund mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken. R?ckblickend war er fast ein bi?chen stolz auf sich und sein Leben. Und auf den Weg, den er gegangen war. Denn er hatte ihn ans Ziel gebracht. Genau wie dieser Weg hier ihn ans Ziel bringen w?rde. Eigentlich ein sehr sch?ner Weg. Er sollte doch viel ?fter mal zu Fu? in die Firma gehen. So lang war der Weg ja gar nicht. Und an einem so sch?nen Tag machte es richtig Spa? fernab vom Stre? ein wenig die Natur zu genie?en. Das S?useln des Windes in den B?umen, das Zwitschern der V?gel ... und das Pl?tschern des Flusses. Da konnte einem richtig warm ums Herz werden. Es klang fast ein wenig wie Musik, dieses leise Pl?tschern...
...
R?ckblickend war sein Leben bis jetzt ziemlich beschissen gelaufen. Nichts war wirklich so passiert, wie er es sich gew?nscht hatte. Im Gegenteil, hatte ihm das Schicksal oft noch zus?tzlich eine reingew?rgt. Und er hatte wirklich jeden Grund skeptisch in die Zukunft zu blicken. Denn er wu?te nicht wohin ihn sein Weg noch verschlagen w?rde. Was war seine Aufgabe, sein Zweck ihn diesem Leben? Er konnte nur hoffen, dass er es noch herausfinden w?rde. Irgendwann... Wird die Suche irgendwann aufh?ren? H?rte denn diese dusselige Br?cke nie auf? Warum ging er eigentlich immer ?ber diese uralte Br?cke... Durch die Stadt w?re er doch viel schneller am Ziel... Und dann m??te er auch nicht die ganze Zeit dieses nervt?tende Pl?tschern ertragen...
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